Die Vorschußlorbeeren hatte er sich selbst gegeben. Als Dietrich Thurau, der 22jährige Radprofi aus Frankfurt, am 30. Juni in Fleurance zu seinem größten sportlichen Abenteuer, der "Tour de France", startete, waren dem selbstbewußten jungen Mann einige seiner Worte als "Überheblichkeit" angekreidet worden. Er könne alle besiegen, hätte er gesagt; er sei zwar noch jung, aber sein Platz in der Tour de France könne eigentlich nur "unter den ersten Zehn" sein.

Und man fragte zurück: Was ist das nur für ein blasierter,-von sich eingenommener Typ, dieser Thurau?

Nun, nachdem die Hälfte dieses mit 4000 Kilometern längsten und schwersten Radrennens der Welt zurückgelegt ist, weiß man es genau: der Bursche aus Frankfurt hat nicht geblufft. Er ist wirklich so gut, wie er. sich vorher selbst dargestellt hatte. Und was auch immer noch bis zur 22. Etappe, dem Ziel in Paris, am 24. Juli passieren mag, Dietrich Thurau hat dieser "Tour" ’77 mit seiner unglaublichen Leistung einen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt. Denn wo gab es das schon vorher, daß ein Tour-Greenhorn sich von Anfang an so bravourös an die Spitze setzte – und diese Spitze gegen all die Asse des internationalen Radsports wie Merckx, van Himpe oder Thevenet auch noch zu verteidigen verstand.

Er hatte es angekündigt: das Einzelfahren über 7,2 Kilometer, mit dem die "Tour" begann, wollte er gewinnen, um das "Gelbe Trikot" des Spitzenreiters überstreifen zu können. Er gewann auch, fast programmiert, dieses Zeitfahren am Start. Aber er behielt das "Gelbe Trikot" auch noch nach der schwierigen Bergetappe in den Pyrenäen. Er gewann diese Etappe sogar, obwohl die Experten hier den "Einbruch" des jungen Frankfurters vorausgesagt hatten.

Und spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde der blonde Frankfurter auch in den Berichten der internationalen Presse zum Jung-Siegfried der "Tour".

"Thurau und die Tour, das war Liebe auf den ersten Blick", schwärmte zum Beispiel die "L’Équipe", die größte französische / Sportzeitung. Und Eddy Merckx, der erfolgreichste Radprofi der letzten Jahre, wußte nun plötzlich zu berichten: "Ich habe schon 1975 gesagt, daß Thurau mein möglicher Nachfolger sein könnte."

Wie auch immer, noch nie zuvor hatte ein "Tour"-Debütant soviel Lob auf sich gezogen wie der Frankfurter Sonnyboy "Didi" Thurau. "Libre Belgique" konstatierte in Brüssel vom Radprofi Thurau, er hätte Ovationen genossen, "die sonst nur Muskelgöttern vorbehalten sind", und man meinte damit offensichtlich, daß der Frankfurter eben dieses Muskelimage gar nicht verkörpern würde. "Tempo" in Rom feierte den Frankfurter als "neuen Giganten der Tour", und Tour-Veranstalter Jacques Goddet sagte vom neuen Radstar: "Er ist strahlend in der Pose des Eroberers, und er verkörpert ein perfektes System von Stil und Punch."