Von Horst Kerlikowsky

Im eigenen Hause haben Sie nur gelacht, daß man wegen Stumm zwei Jahre verhandelt, man hielt es für Zeitverschwendung“, lacht jetzt Joachim Brinkmann, Finanzchef der Familien-Unternehmensgruppe Marquard & Bahls GmbH & Co (Mabanaft) in Hamburg. Er hat in dieser Zeit für das Handelshaus Verträge ausgehandelt und Entscheidungen mitgetragen, die zu den ungewöhnlichsten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte gehören. Das Handelshaus, mit Mineralölhandel in wenigen Jahren großgeworden und fast vier Milliarden umsatzstark, sorgte dafür, daß eines der ältesten Industrieunternehmen, die im Vergleichsverfahren befindliche Stumm AG, zumindest zum Teil erhalten bleibt und seine Aktionäre sowie Gläubiger wenigstens einen Teil ihres Geldes erhalten.

Es begann damit, daß die Mabanaft (1948 von Theodor Weisser gekauft und 1974 an seine Kinder Liesel Streich sowie Hans und Hellmuth Weisser übertragen) mit ihrem Ölhandel viel Geld verdiente. Das wurde in neue, aber naheliegende Bereiche investiert, in Tanklager, Tankschiffe und in den Aufbau einer Tankstellenkette (Marke „Famin“).

Der Expansion folgte eine regionale Diversifikation. So wurde beispielsweise in den Vereinigten Staaten, in Houston am Golf von Mexiko, eine Hafenanlage mit Pipelineanschluß errichtet.

Der Erwerb von Industriebeteiligungen sollte nun eine branchenmäßige Diversifikation bringen. Die Mabanaft kaufte sich – allerdings unter anderen Umständen als geplant – 1974 mit 25,1 Prozent beim Industriekonzern Stumm AG ein; bezahlte eine Mark für rund fünfzehn Millionen Mark Nominalkapital. Bereits wenige Tage später mußten Brinkmann und Mitinhaber Hans Weisser für eine Tochtergesellschaft der Stumm AG den Gang zum Konkursrichter antreten, wodurch auch die Muttergesellschaft am Ende war.

Jetzt, zwei Jahre danach, übernahm die Mabanaft alle Aktien des Pleiteunternehmens, fand alle Gläubiger ab, erwarb damit eine Beteiligung an einem Stahl- und alle Anteile an einem Weiterverarbeitungsunternehmen – und zahlte dafür fünfzig Millionen Mark, die sie selbst allerdings nicht einmal zehn Millionen Mark kosten.

Das verwirrende Zahlenspiel ist nicht das einzige, was Außenstehende und selbst Insider am Schicksal der Stumm AG und an den Initiativen der Mabanaft verwirrte. Wie aus heiterem Himmel war 1974 der Zusammenbruch der Stumm-Gruppe gekommen, deren Name mit einem Kapitel deutscher Industriegeschichte verbunden ist, deren Aufsichtsrat mit berühmten Namen der Banken weit und der Industrie besetzt war, deren Ruf die Banken nie nach Bilanzen oder Sicherheiten für Kredite fragen ließ und die schließlich doch zusammenbrach.