Von Rino Sanders

Soll ich langen Groll begraben? Immerhin senden die Leute mir seit Jahren ihre opulente Hauspostille, in der sie jeweils die neuen Aufkäufe wichtiger italienischer Weingüter und -etiketten feiern. So bin ich denn gewarnt.

Vor Jahrhunderten zog seinem König ein Mundschenk voraus, um überall auf der Italientour jene Weinkeller aufzuspüren, wo das Verweilen lohnte. Fand er solche Faßlager, schrieb er entzückt an das Kantientor „Est, est, est!“ So heißt noch heute ein Wein am Weg – wenn meine Erinnerung nicht trügt, in Montefiascone.

In konsumdemokratischer Zeit wird sogar mir eine entsprechende Mitteilung frei Haus spendiert. Sie besagt einfach: Winefood was here und bedeutet allerdings – tempora mutantur – das Gegenteil: diesen Wein kann man nun, auch nicht mehr genießen!

Solche Erfahrungen das erste Mal zu machen, hatte mich die seltsame Gesellschaft mit dem Schweizer Sitz, die sich den nicht eben bacchischen Namen Winefood (DIE ZEIT Nr. 20) verordnete, selbst eingeladen. Anlaß: ein „Internationales Wein-Svmposium“ in Lazise am Gardasee. Promoter: der Club des Boungustaio, der italienische Feinschmeckerklub. Das war im Weinjahr ’72. Nach einem Morgen voll kehledörrender Reden wurden wir in die Hallen der Winefood-Erwerbung Lamberti geladen, um vor der Fahrt zum Essen eine Erfrischung zu nehmen; und ich, der ich die üblichen Aperitife nicht schätze, sah mit jäh vergnügtem Durst, daß frischer Weißer bereitstand. Der Durst blieb. Das Vergnügen daran erlosch beim ersten Schlürfer:

Der Riesling war zu fad, um sauer zu sein. Vielleicht bin ich indisponiert, sagte ich mir und bildete mich um. Da sah ich andere, die mit nachdenklicher Miene bei leicht seitlich geneigtem Kopf ihr abgewinkeltes Glas betrachteten. Warten auf einen vielleicht doch noch erfreulichen Nachgeschmack?

Nun gut, es war nicht die Gegend für weißen Wein. Blieb die Hoffnung auf die mit Recht gerühmten Bardolino und Valpolicella, die gewiß das Mahl begleiten würden, das auf dem gewiß renen Golfrasen der zugehörigen Villa zu verputzen Wäre. Die Sonne brannte, das dämpfte zum Glück den Hunger, stimulierte aber den Appetit. Weingebiet DOC (Denominazione di origine controllata, Parallele zur Apellation controlée) ringsum. Doch was uns dargebracht wurde... nun, es war eigentlich eine verdammt ferne Art von der Winefood, wenigstens ein paar Anspruchsvollere auf diese unauffällige Weise vor Alkoholmißbrauch und späteren gemeinen Konsumschäden zu schützen.