Jeder Krimifreund weiß, was ein Kriminalkommissar ist: ein ziemlich alter Knabe, gebeugt von der Last der Jahre und gebeutelt vom Streß. Einer heißt sogar so: „Der Alte“. Er und seine Mattscheiben-Kollegen sind von jüngeren Herren umgeben, die sich, obwohl allesamt quick und clever, eine Menge gefallen lassen müssen – weil sie subaltern sind und allenfalls in ihren späten Jahren auf Aufstieg hoffen dürfen. Soviel zum Film – die Wirklichkeit ist anders.

Im wirklichen Leben sind die Kommissare, sofern sie sich aus dem mittleren Beamten-Dienst emporgearbeitet haben, End-Twens oder Jungdreißiger. Wenn sie aber gleich in den gehobenen Dienst eingetreten sind, können sie sich schon mit zwanzig Jahren „Kommissar“ nennen. Ein Rang, der bis in die sechziger Jahre nur wenigen besonders strebsamen, tüchtigen und langgedienten Beamten gewährt worden ist, ist mittlerweile zu einer Art Jugendsportabzeichen heruntergekommen – wie auch viele andere einstmals hohe Beamtenränge.

Diesen Sachverhalt sollte jeder kennen, der in diesen Tagen von Unruhen und Protestaktionen innerhalb der Polizei liest. Insbesondere die Boulevardpresse ist ja voll von solchen Klagen – schließlich hat sie, bei ihrem Faible für law and order‚ einige Übung darin, die Anliegen der Polizisten zu ihren eigenen zu machen. Der Leser erfährt: Die Polizeibeamten vor allem des mittleren Dienstes sind sauer, weil sie angeblich zuwenig verdienen und zu geringe Aufstiegschancen haben.

Diese Behauptung ist grundfalsch und verständlich zugleich. Falsch, weil die Beamten am allgemeinen Einkommenszuwachs voll teilgenommen haben. Falsch, weil ihnen, außer den linearen Einkommenssteigerungen, auch die Verbesserungen der sogenannten Stellenkegel zugute kamen, die bei der Polizei besonders drastisch ausgefallen sind: Etwa 70 Prozent aller Kripo-Beamten des mittleren Dienstes haben ihr Spitzenamt erreicht – ein unglaublich hoher Anteil. 1965 waren es nur 7,5 Prozent.

Verständlich aber ist der Polizisten-Jammer, weil er das zwangsläufige Ergebnis der von servilen Parlamentariern verfolgten Politik einer ständigen Überbewertung des öffentlichen Dienstes ist. Denn von einem mittleren Polizeibeamten, der mit Ende Zwanzig Hauptmeister geworden ist, oder von einem gehobenen Beamten, der sich mit 35 Jahren Oberamtsrat nennen darf, kann man nur eines erwarten: Unzufriedenheit. Diese jungen Leute haben bereits alles hinter sich, was früher nur wenige vor sich hatten. Innerhalb ihrer Laufbahn kann sie nichts mehr locken.

Ein Teil derer, denen soviel Gutes widerfahren ist, daß sie nun unzufrieden sind, lenkt seinen Groll in nützliche Bahnen: Jeder zweite mittlere Polizeibeamte bildet sich für den gehobenen Dienst weiter; vor gut einem Jahrzehnt durfte das nur jeder zehnte.

Die andere Hälfte aber ist gefährlich: Diejenigen, die bei der Eingangsprüfung für den gehobenen Dienst durchgefallen sind oder sich gar nicht erst gemeldet haben. Es sind vor allem diese Mittelmäßigen, die nun Krach schlagen. Und weil das Mittelmaß in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat, wird es sich auch diesmal durchsetzen: Über Sonderzulagen wird bereits verhandelt. Dieter Piel