Meisterwerke einer kalkulierten Künstlichkeit

Von Peter Nau

Die Filme von Max Ophüls (1902–1957) haben viel mit Musik zu tun, mit Theater, Literatur und Malerei. Das Dekor spielt in ihnen eine so große Rolle, daß man dort, wo die freie Natur plötzlich erscheint, von einem extérieur-choc hat sprechen können. Die Namen des Filmarchitekten Jean d’Eaubonne und des Kostümbildners Georges Annenkov sind aus den Vorspanndaten der großen Spätwerke – „La Ronde“, „Le Plaisir“, „Madame de ...“ und „Lola Montez“ – nicht wegzudenken. Das Fieberhafte an Ophüls’ Filmen: eine Kamera, die nie stillsteht und sich in einem Medium reiner Künstlichkeit bewegt. So durch die Straße des Paris von Maupassant in „Le Plaisir“, nachts: das Gewimmel der Passanten; die Fassade und das Portal vom Elysée-Montmartre, der Stätte frenetischen Tanzvergnügens. Der Kameramann, Christian Matras, gehört ebenfalls zum ständigen Ensemble von Ophüls während dieser letzten Jahre (1950–1955).

Claude Beylie, Autor einer Ophüls-Monographie, erblickt in der Zirkuskuppel von „Lob Montez“ „das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle“ der modernen Kinematographie und zitiert einen Kritiker, den die Erzählstruktur dieses Films an die Darstellungen barocker Flügelaltare gemahnte, wo die verherrlichte Figur von Tafeln umgeben ist, die ihre Legende erzählen.

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Die Filme sind Erzählungen, an denen die spezifische Formung, in der sie sich mitteilen, klar zum Vorschein kommt. In „La Ronde“ ist es der Spielleiter (Anton Walbrook), der die Episoden des Schnitzlerschen „Reigens“ miteinander verknüpft. Maupassant selber (gesprochen von Jean Servais) teilt sich zwischen seinen drei Novellen mit, nach denen „Le Plaisir“ entstand, („Die Maske“, „Das Haus Tellier“, „Das Modell“). Die Rolle von Lola Montez entspricht fast genau jener, die in „Madame de...“ die Ohrringe spielen: sie ist jenes Element in der Erzählung, welches – in fetischhaft-verdinglichter Form – die wechselnden Reaktionen der Männer auslöst: In „Madame de...“ ist nicht nur der Inhalt, sondern die literarische Materie der Vorlage selbst (eine Erzählung von Louise de Vilmorin) gestaltet. Deren Raffinesse ist eine Sache der Form. „Das erinnert mich an etwas ganz anderes, nämlich den Bolero von Maurice Ravel: auch da haben wir eine winzige melodische Achse, um die herum sich die Handlung, oder genauer: die harmonische Materie permanent dreht, entwickelt und kompliziert“. (Ophüls)

„The Exile“ (Der Verbannte; Charles II. von England im niederländischen Exil), 1947 im Hollywood-Studio, ohne eine einzige Außenaufnahme, realisiert. Man hat festgestellt, daß seine Bilder den atmosphärischen Malereien von Philips Wouwerman und Ruisdael nachempfunden seien: ein kleiner Hafen; die Bootsfahrt auf einer Gracht, aufgenommen durchs Uferschilf; ein Tulpenfeld; eine Windmühle auf ödem Heideland.