Der Waffenfortschritt bedroht das Gleichgewicht des Schreckens

Von Josef Joffe

In der vorigen Woche trat die Genfer Abrüstungskonferenz zu ihrer 750. Sitzung zusammen. Kurz nach der Eröffnung stellten die Delegierten aus dreißig Ländern fest, daß keiner von ihnen das Wort ergreifen wollte. Daraufhin stellten die Abrüster einen neuen Rekord auf: Nach genau zwei Minuten wurde die Konferenz vertagt. Zufall oder Symptom?

Ebenfalls in Genf angesiedelt ist der viel exklusivere Rüstungskontrollklub der beiden Supermächte, der zwar gewissenhafter tagt, aber auch nicht von der Stelle kommt. Seit Herbst 1972 haben sich hier Amerikaner und Russen knapp 200mal getroffen, um einen neuen Salt-Vertrag auszuhandeln. Der erste, im Mai 1972 geschlossene, läuft am 3. Oktober aus. Doch bei der gemächlich-akribischen Verhandlungsführung wie gehabt wird es zum 4. Oktober kein zweites Salt-Abkommen geben. In Genf tippt man deshalb allenfalls auf die stillschweigende oder schriftliche Verlängerung der ersten Vereinbarung.

Während die Diplomaten zögern, zieht die Technologie davon – und das nicht zum ersten-, mal. Salt I hatte den erlaubten Rüstungsstand auf 1710 amerikanische und 2358 sowjetische Interkontinentalraketen eingefroren. Die Amerikaner gaben sich damals großzügig, weil sie auf ihren Vorsprung in der Zielgenauigkeit und die MIRV-Technologie vertrauten: Ihre Mehrfachsprengköpfe – so glaubten sie – würden den sowjetischen Raketenüberhang allemal austarieren. Diese Rechnung ging freilich nicht auf. Denn, bald darauf begannen auch die Russen, MIRV-Raketen zu erproben. Kaum eingependelt, drohte das "Gleichgewicht der Ungleichgewichte" – hie verfeinerte Technik, da geballte Sprengkraft – schon wieder aus dem Lot zu gehen.

Im zweiten Anlauf – dem Wladiwostok-Abkommen vom Dezember 1974 – einigten sich die beiden Großen deshalb auf den präzisen numerischen Gleichstand. Fortan sollte jede Seite 2400 strategische Trägerwaffen (Bomber und Raketen) besitzen dürfen – davon 1320 mit Mehrfachsprengköpfen. Diese Absprache zwischen Ford und Breschnjew ist jedoch nie ratifiziert worden; und auch ihr ist die Technik längst davongaloppiert. Der Ausbrecher hieß cruise missile, jener Urenkel der deutschen V-l aus dem Zweiten Weltkrieg, der mit dem Tempo eines Boeing-Jumbo Ozeane überquert, Radarnetze unterfliegt und seine Bombenlast punktgenau ins Ziel trägt – zum Stückpreis von rund 750 000 Dollar. Eine "normale" Interkontinentalrakete kostet fünfzigmal mehr.

Wie keine andere Waffe symbolisiert der "Marschflugkörper" eine technologische Revolution, die sämtliche herkömmlichen Rüstungskontrollkalkulationen über den Haufen zu werfen droht. Seit Anbeginn des Salt-Zeitalters im Jahre 1969 wurden strategische Langstreckensysteme mit Nuklearsprengköpfen gezählt und gegeneinander aufgerechnet. Die cruise missile hat jedoch die Unterscheidung zwischen strategisch und taktisch, zwischen Langstrecke und Kurzstrecke, zwischen konventionell und atomar unwiederbringlich verwischt.