In die Stadt will sie, und er sagt, sie soll nicht immer Stadt sagen, sondern Innenstadt, denn sie wohnen ja in der Stadt. Und sie sagt, daß er die Straße, in der sie jetzt wohnen, nur vom Hin- und Herfahren kennt, und er sagt: „Dann gehe ich schon voraus.“ „Bleib doch hier“, sagt sie.

„Da sieht man mal, wo die Leute sonntags sind“, sagt er und zeigt auf eine Parterrewohnung, „zu Hause.“ „Du Erich, das Wohnzimmer ist mindestens fünfzig Quadratmeter groß, und alles ist in Schwarz, Braun und Weiß gehalten, und auf der flauschigen Auslegeware können Babys nackt liegen, und in der Ecke steht eine Palme.“ „Siehst du denn nicht das Turmzimmer da, ganz im Jugendstil, die haben die Möbel bestimmt geerbt.“ „Die müssen immer an ihre Großeltern denken, wenn sie da mal sitzen.“ „Aber das ist ja auch eine Kapitalanlage, und in solchen Wohnungen leben die Möbel wieder auf.“

Sie gehen auf der anderen Straßenseite, und wieder zurück, bis Erich sagt: „Ich wollte ja nicht in eine Altbauwohnung ziehen, Aber du; und an die Renovierungskosten denke ich immer noch, aber du nicht; und unser Wohnzimmer ist zweiunddreißig Quadratmeter groß; aber du sagst, das reicht doch nicht; und diese Häuser hier sind alle spätestens um die Jahrhundertwende erbaut worden, und wenn man sich vorstellt, daß in jeder Wohnung seitdem etwa stündlich die Wasserspülungen betätigt worden sind, dann ist das, abgesehen von der Wassermenge, zusammengefaßt eine Geräuschkulisse, vor der es gar nichts mehr nutzt, sich die Ohren zuzuhalten.“

Elke sieht das ja auch ein; aber sie weiß nicht, worauf er hinaus will, und schließlich sagt Erich: „Du, die Rohrverkleidungen im Badezimmer und in der Toilette, die in der Küche aber auch, die wurden immer wieder gestrichen, aber darunter schmort es weiter. Ich werde sie abreißen lassen, und dann wird da endlich mal gründlich saubergemacht.“

„Wo gehst du denn hin?“ „In die Stadt.“ „Dann müssen wir aber da ’rüber. Wir können ja auch ins Kino gehen, und weißt du wo?“ „Wo denn?“ „Es gibt da einen französischen Film.“ „Die zeigen auch immer nur Altbauwohnungen in ihren Filmen.“ „Was du plötzlich gegen unsere Wohnung hast.“ „Ich habe nichts gegen unsere Wohnung, aber meinem Vater fiel auch immer etwas über unsere Wohnung ein, wenn wir spazierengingen. Das lag an meiner Mutter, die fing jedesmal wieder von einer anderen Wohnung an.“

„Warum hast du es denn jetzt so eilig?“ „Ich denke, wir wollen ins Kino?“ „Und wenn es nicht die nächste Vorstellung ist, dann ist es eben die letzte.“ „Und was machen wir zwischendurch?“ „Wir werden ja sehen. Sei doch nicht so ungeduldig. Guck’ mal da, ist das nicht ein Pulli für dich?“ „Der doch nicht.“ „Der vielleicht?“ „Ich brauch’ doch keinen Pulli.“ „Und die Samthose da?“ „Die doch nicht.“ „Die soll doch auch für mich sein.“ „Wenn das so weitergeht, kommen wir nie ins Kino.“ „Wir haben doch noch Zeit. Und da, das war euer erstes Büro, da, im fünften Stock.“ „Ich guck’ doch da nicht ’rauf.“ „Und eine Etage tiefer, da war der Frauenarzt. Und bei dem war ich schon mal, bevor wir uns kannten.“ „Hat der nicht auch abgetrieben?“ „Was hat das denn mit mir zu tun?“ „Ich sag’ das ja nur so, aber da kannten wir uns ja noch nicht.“ „Was du immer gleich hast?“ Und Elke sagt sich, du mußt ja mal wieder hin, die Praxis hat jetzt jemand anders, aber schaden kann es ja nicht, und Erich will von solchen Krankheiten ja nichts wissen. Überall könnte ich etwas haben, nur da nicht, aber da ist ja auch nichts. Ich werde ihn jetzt unterhaken, sonst komme ich nicht mehr mit. Hätte ich bloß nichts vom Kino gesagt, wir sind ja auch noch nie zu Fuß ins Kino gegangen; aber nur mal so ein Stück gehen, selbst das kann er nicht... Und nun steht er. da als fünfter in der Schlange.

„Na, was hab’ ich gesagt? Ausverkauft.“ Erich bleibt bei den Leuten stehen, die auch keine Karten mehr bekommen haben, und Elke stellt sich neben ihn: „Wir können hier doch nicht stehenbleiben.“ Erich dreht sich um und sagt: „Die anderen Leute stehen doch auch hier, und die wissen auch nicht, was sie jetzt machen sollen. Aber die fahren gleich nach Hause, und wir?“ „Und wenn wir so lange spazierengehen?“ „Ich bin überhaupt kein Spaziergänger, und Pullis habe ich genug.“ „Wir brauchen doch nicht in die Schaufenster zu gucken.“ „Du guckst ja sowieso, auch wenn wir zugehen, und dann sagst du: Warte doch mal, einmal kannst du doch warten, und ich muß warten, und das summiert sich... Und wer nicht im Kino ist, der ist zu Hause.“ „Oder die Leute gehen essen.“ „Du hast doch gesagt du kannst heute nichts mehr essen.“ „So meine ich das ja nicht.“ „Dann nehmen wir ein Taxi und fahren nach Hause.“ „Da steht aber keines.“ „Unterwegs kommt schon mal eins.“ „Dann gehen wir denselben Weg wieder zurück.“ „Den doch nicht.“