Von Benjamin Henrichs

Ein "bürgerliches Familiendrama in drei Akten. Und so bürgerlich, so familiär fängt es an: Ein Vater versucht, erst plump-verlegen, dann zunehmend deutlich und grob, die (Stief-)Tochter von seinem Plan zu begeistern, ein Bordell für bessere Seeleute aufzumachen, und bietet dem Mädchen so etwas wie die Position einer leitenden Angestellten in dem neuen Betrieb an. Die Tochter lehnt dankend ab.

Barbara Sukowa, die Regine in Luc Bondys Hamburger "Gespenster"-Inszenierung, läßt sich ein paar Augenblicke Zeit, bevor sie nein sagt. Sie ist keineswegs verwundert oder gar entrüstet über den väterlichen Vorschlag. Sie überlegt, sich die Sache, nein: rechnet sie durch und kommt schnell zu einem für sie unvorteilhaften Resultat. Ein Geschäft wird nichts, weil es sich nicht lohnt. Und weil der Vater, der schmierig-joviale Tischler Engstrand (Axel Bauer), nicht so schnell begreifen will, wie sie die Sache in ihrem Kopf geklärt hat, schlägt sie ihn, tritt ihn, der ein Krüppel ist, an die kaputten Beine – worauf Engstrand halb humpelnd, halb hüpfend die Flucht ergreift.

Aggressivität, eine ganz andere Aggressivität freilich, bestimmt auch die nächste Szene. Der Pastor Manders (Hans-Michael Rehberg) tritt auf. Regine, Dienstmädchen im Hause Alving, will, wie es ihr Beruf verlangt, dem Gottesmann beim Ausziehen des Mantels behilflich sein – wogegen sich Manders seltsam heftig, fast verzweifelt wehrt. Ganz offensichtlich bringt ihn die leibliche Nähe und Zudringlichkeit des Mädchens aus der Fassung; verschreckt läßt er nacheinander Hut und Aktentasche zu Boden fallen. "Die gnädige Frau meint, ich sei noch voller geworden", sagt Regine, und sagt es wie eine dezente Aufforderung an den Pastor, sich ihren voller gewordenen Körper doch einmal genauer anzusehen. Was Manders aber erst wagt; als sie sich einmal von ihm abwendet, er ihr hoffnungslos und doch mit brennenden Augen nachsehen kann. Wie da ein Mensch Gefühle und Lüste in sich niederdrückt, ein anderer Gefühle und Lüste mit größter Geschäfteskälte zum eigenen Vorteil ausnutzt: das habe ich so deutlich in noch keiner "Gespenster"-Inszenierung gesehen. So deutlich, obwohl (oder weil) Bondy auch diesmal ohne alle Verdeutlichungs- (früher sagte man Verfremdungs-)Techniken des neueren Regie-Theaters auskommt. Weil er (wie bei seiner Musset-Inszenierung an der Schaubühne) die ungeheuerlichsten Einsichten über Menschen auf die beiläufigste, leiseste Art mitteilt.

Wer sich angewöhnt hat, eine Theateraufführung vor allem nach Reiz- und Schauwerten abzusuchen, wer es genießt, wenn ihm jede Geste den aufklärerischen Scharfsinn und den ästhetischen Ehrgeiz des Regisseurs mitteilen, der kann diese Hamburger "Gespenster" auch enttäuschend, kunstlos, flüchtig finden. Das ist eine von den Aufführungen, in denen der Zuschauer selber Entdeckungsarbeit leisten muß; die nicht dauernd stolz ihre Entdeckungen wie Trophäen (prunkvoll und tot) präsentieren.