Von Lothar Loewe

Ich glaube, wir haben uns alle Illusionen gemacht, der eine mehr, der andere weniger, aber wir alle, und zwar gerade auch die Sympathisanten dieser Entspannungspolitik, haben uns Illusionen gemacht. Wir alle sind in unseren Berechnungen zu kurzatmig gewesen, und wenn man meint, man habe sechs Monate geduldig auf etwas gewartet und nun sei man schon mehr, also sehr geduldig gewesen, dann ist dies Kinderei. Wir müssen uns einstellen auf eine Politik, wo die Abgrenzungsbedürfnisse der DDR – ob berechtigt oder nicht berechtigt – noch über ganz, ganz viele Jahre hinzunehmen sind und wir dennoch diese Politik weitermachen müssen, weil nur so allmählich ein modus vivendi zwischen den beiden deutschen Staaten gefunden werden kann.“

Dies sind Absichten von Staatssekretär Günter Gaus aus einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ zum Jahresausklang 1974. Das bemerkenswerte Zitat findet sich im Buch von

Jens Hacker: „Deutsche unter sich – Politik mit dem Grundvertrag“; Seewald Verlag, Stuttgart 1976; 192 S., 16,– DM.

Zu dem Thema „Deutsche unter sich“ sagte mir ein sowjetischer Kollege kurz vor meiner Ausweisung aus Ostberlin, das Verhältnis der Deutschen untereinander heute erinnere ihn an den „Graschdanskaja Woina“, an den Bürgerkrieg zwischen Weißen und Roten in Rußland 1918. So wie damals die Russen, hätten es auch die Deutschen in Ost und West trotz des Grundlagenvertrages noch immer schwer, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Bei dem Titel „Deutsche unter sich“ hätte man eigentlich erwartet, Hacker würde sich mit den praktischen Auswirkungen des Grundlagenvertrages und seiner Folgevereinbarungen im Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander beschäftigen. Dies ist nicht der Fall; der Autor würdigt in seiner Studie vor allem die Entwicklung der Bonner Deutschlandpolitik von 1949 bis zum Herbst 1976. Dies ist verdienstvoll, weil Erinnerungen geweckt werden – an vertane Chancen, aber auch daran, daß bereits die Bundeskanzler Adenauer, Erhard und Kiesinger „menschliche Erleichterungen“ in den Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten befürwortet haben.

Doch leider erkannten die Regierenden von damals zu spät – manche überhaupt nicht –, daß sich der sogenannte Alleinvertretungsanspruch gegenüber der DDR nicht mehr aufrechterhalten ließ. Vielleicht hätten sich die Dinge in Deutschland anders entwickelt, wenn Konrad Adenauer seine Idee vom zehnjährigen Burgfrieden mit Moskau und der österreichischen Lösung für die DDR aus dem Jahre 1963 den Russen etwas nachdrücklicher und detaillierter vorgetragen hätte.