Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Juli

In Frankreich herrscht Dauerwahlkampf. Zwar wird die nächste Nationalversammlung erst im März 1978 gewählt, doch schon heute stehen die Zeichen auf Sturm. Die einfache Erklärung: Würde die Entscheidung heute getroffen, dann stünde den Franzosen ein Machtwechsel ins Haus. Alle Meinungsumfragen der letzten Zeit geben der linken Opposition eine Mehrheit von 53 bis 55 Prozent. "Ich glaube daran, daß die Sozialisten es schaffen werden", rief François Mitterrand beim jüngsten Parteitag der Sozialisten in Nantes den Delegierten zu. Mit ihm glauben Kommunisten und Linksliberale an den gemeinsamen Sieg. Nach bald 20 Jahren konservativer Herrschaft an der Seine stehen die Weichen auf Wandel.

Doch nicht nur die Linke glaubt an ihren Erfolg. Auch das Regierungslager spürt deutlich, daß sich der Wind gedreht hat. Der Trend nach links reißt Unentschiedene mit und mobilisiert selbst unpolitische Geister. In vielen Kreisen gilt heute die Devise: Links sein ist schick. Rechts, das ist der Standort von Bourgeoisie und Reaktion. Das Attribut links wird wie ein Glaubensbekenntnis gehandelt. Doch glauben die Franzosen mit ihrem konservativen Reflex und ihrer gaullistischen Tradition wirklich an die Linke? Ist das Wörtchen links in ihren Augen ein Gütesiegel für eine bessere Zukunft?

"Uns bleibt doch nichts anderes übrig, als links zu wählen", heißt häufig die Antwort. Damit ist zugleich gesagt, was entscheidend für die nächsten Wahlen sein kann: daß die Wahl nicht für eine Partei und ihr Programm getroffen wird, sondern gegen die Regierung, gegen die Verhältnisse, gegen "die da oben". Absolut irrig ist die Vorstellung, das gemeinsame Regierungsprogramm der Oppositionsparteien sei zu einer Art französischer Mao-Bibel für die Massen geworden, in der die Unzufriedenen Hoffnung und Alternativen finden. Kaum jemand hat das Links-Programm gelesen. Die Alternative für die Mehrzahl der Wähler heißt denn auch nicht Nationalisierung, Selbstverwaltung oder demokratische Planification. Die volkstümlichste Alternative lautet schlicht: Es muß alles anders werden. Und anders heißt in diesem Falle eben links.

Im Grunde entspräche das Wechselfieber einem gesunden Verlangen nach politischer Hygiene. Nach fast 20 Jahren zeigen die Regierungsparteien derartige Verschleißerscheinungen, daß eine Radikalkur unvermeidlich scheint. Unerquickliche Querelen sind an der Tagesordnung, die Verfilzung von Politik und Geschäft ist unübersehbar, Skandale sind fast zu einer traurigen Gewohnheit geworden. Natürlich weiß niemand zu sagen, ob die Linke den Versuchungen der Macht gewachsen wäre. Doch da sie bisher den Beweis nicht anzutreten brauchte, kann sie in der Öffentlichkeit eine weiße Weste vorzeigen und als Ankläger auftreten.

Das Bedürfnis nach neuen Gesichtern und einer Durchlüftung der Regierungspaläste reicht aber nicht aus, um den Linksruck in Frankreich zu erklären. Mehrere Wahlen in den letzten drei Jahren haben völlig veränderte Verhaltensmuster der Franzosen offenbart. Die Grundregel, daß unsere Nachbarn zwar das Herz links, aber den Geldbeutel rechts tragen, gilt nicht mehr. Traditionell konservative Regionen haben sozialistische und kommunistische Bürgermeister in die Rathäuser gewählt; gerade die Mittelschichten werden den konservativen Parteien untreu.