Die Sorgen einer Hamburger Hauptschulklasse vor der Entlassung in das "Leben"

Von Dieter Buhl

Die hohen Flure erinnern an die Weitläufigkeit von Bahnhofshallen. Mannshoch bedecken dunkelbraune Kacheln die Wände, und die Treppen sind ausgetreten von unzähligen Kinderfüßen, Wie in vielen alten Schulen vermengt sich Kargheit mit einem Schuß ehrwürdiger Patina. Aber das Gebäude wirkt noch immer so wenig anheimelnd, daß der Mahnsatz "Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir" in doppeltem Sinne einleuchtet.

Für die Schüler der Klasse H 9 der Ernst-Henning-Schule in Hamburg-Bergedorf beginnt in dieser Woche der Abschnitt, für den sie neun Jahre lang gelernt haben: das Leben nach der Hauptschule. Gemeinsam mit rund 500 000 Gleichaltrigen in der Bundesrepublik vertauschen die elf Mädchen und 18 Jungen, der Klasse die Schulbank – womit, das war für sie die gleiche bedrückende Frage wie für viele ihrer Altersgenossen aus der "Generation der Überzähligen" (Spiegel). Jugendarbeitslosigkeit, das neue Übel in unserem Lande, schreckte die 29 Vorstadtschüler ebenso wie Zehntausende ihrer Altersgenossen anderswo. Nach der Obhut der Schule drohten die Unsicherheiten der Erwachsenenwelt.

Doch die Schlagwörter, die derzeit wohlfeil sind, wollen sich nicht einstellen beim Anblick der Abschlußklasse. Verzweiflung? Hoffnungslosigkeit? Radikalität? Nichts davon schimmert durch im Tohuwabohu vor der ersten Schulstunde. Auch wenn ein paar der Jungen zarten Flaum auf ihren Backen zur Schau tragen und einige der Mädchen wie junge Frauen umherstolzieren, so drängt sich doch der Eindruck auf: Diese Neuntkläßler sind ja noch halbe Kinder. Wie sollen sie den Ernst ihrer Lage überhaupt voll begreifen? Frühreife der Jugend, sonst immer Anlaß zur Klage, in diesem Klassenzimmer ist sie nicht zu spüren.

Gehorsam schnellen denn auch die Finger hoch, als nach der Zukunft gefragt wird: 14 der Schulabgänger haben eine Lehrstelle, sechs wollen freiwillig fortbildende Schulen besuchen, neun fanden keine Ausbildungsstätte und wollen deshalb weiterlernen oder einen Übergangsjob annehmen. Statistik einer Misere. Sie wird sich ähnlich auch in anderen deutschen Klassen aufstellen lassen. Für ein Drittel der Schüler ist der Weg in den gewünschten Beruf erst einmal versperrt. Dennoch erzählen sie ohne Bitterkeit von ihren Schwierigkeiten.

Thomas wollte Maschinenschlosser werden, aber "meine Zensuren in Mathematik und Deutsch waren zu schlecht". Dann bewarb er sich auf eine Anzeige, in der ein Malerlehrling gesucht wurde, doch einer der drei Mitbewerber hatte mehr Glück. "Jetzt", sagt der Junge, "werde ich in die zehnte Klasse einer anderen Volksschule gehen." Gabrieles Berufswunsch war Krankenschwester, "aber dafür muß man heute die mittlere Reife haben". In zwei Jahren auf der Haushaltungsschule will sie sich auf irgendeinen anderen Beruf vorbereiten. Für Barbara wäre eine Ausbildungsstelle als Floristin das erträumte Ziel gewesen. Doch die meisten Blumenverkäufer dürfen keine Lehrlinge ausbilden, weil sie nicht Meister sind. "Und um die einzige Lehrstelle bewarben sich 32 Schüler."