Uwe Johnson:

Im Jahre 1959 war ich frisch aus der DDR nach Westberlin umgezogen, ohne viel Ahnung von literarischen Veranstaltungen oder Zusammenhängen in der Bundesrepublik, und mußte mich schlicht verlassen auf die Erklärung Wohlgesinnter, eine Einladung zu einer Tagung der Gruppe 47 sei unbesehen anzunehmen, als Bestandteil des schriftstellerischen Berufs in diesem Lande. Aber ich kam 1959 auf die Elmau ohne einen unpublizierten Text, mit dem ich deutlich in das Ritual hätte einsteigen können, so daß eine gründliche Identifizierung versäumt war. Zum anderen, mir fehlten für dies Gebilde ganze zwölf Jahre Vorgeschichte, zuviel, als daß mir Erklärungen in das Gefühl eines inneren Kreises hätten verhelfen können.

Gast war ich gerne. Tatsächlich konnte man lernen, welche Fehler beim Vorlesen zu vermeiden sind oder, anders herum, wie einer sich selbst vermittels seiner Gedichte versteht, so daß man rechtzeitig erfuhr, wie die Gedichte von Günter Grass später im Druck aufzunehmen seien.

Zum Erschrecken war es andererseits, wenn Ingeborg Bachmann ihr Gedicht „Liebe – dunkler Erdteil“ der verstörten Zuhörerschaft ein zweitesmal vorlesen mußte und dann einer fragte, in welchem verzweifelten Sinne dies nun mit Afrika zu tun haben könne. Das war 1961 in der Göhrde (wenn mich die Erinnerung nicht täuscht), und 1960 hatte ich in Aschaffenburg am eigenen Leibe die Risiken solchen Kritisierens aus dem Stand erfahren dürfen. Nachdem ich etwas vorgelesen hatte, in dem unter anderem auch ein Vater vorkam, verwandelte Günter Grass sich aus einem Nachbarn und Freund in einen Psychologen, der bei mir ein Vater-Trauma feststellte, väterlich warnend. An dieser Funktion der Tagungen hatte ich seither Zweifel. Aber ich war gerne Gast.

Die, so zu sagen beauftragten, Kritiker boten gelegentlich meisterhafte Darstellungen ihrer selbst. Das hat niemand genauer und lustiger beschrieben als Martin Walser.

Lustig war auch, wie sehr die Legenden den internen Betrieb verfehlten. So sind die Tagungen beschrieben worden als ein Markt, und erreichten nicht einmal den Charakter von Muster-Messen. Zu erzählen wüßte ich von einer einzigen geschäftlichen Verhandlung, die unterhielt Günter Grass mit einem anderen Verleger als dem seinen, der mußte dabei, für eine Kollegin von Grass den Honoraratz erhöhen, worauf der Umworbene sich zurückzog mit dem Geständnis, ein religiöser Umstand verbiete ihm das Wechseln von Verlagen. Die Verleger waren auch, neugierig, mochten sie das bezahlen mit dem Geld für den Preis der Gruppe. Dieser Preis war wohl das einzige, mit dem ein Schriftsteller mehr Aufmerksamkeit für seine Arbeit erreichte; das Vergleichswort Mafia für Praktiken innerhalb der Gruppe 47 erledigt sich durch mangelnde Kenntnis der Mafia. Ja, gewiß saßen da auch Abgesandte des Rundfunks oder des Feuilletons, die bestellten etwas bei einem Autor, wenn ihnen dessen Arbeit gefallen hatte. Aber es saßen da doch nicht sämtliche Funktionäre der Bewußtseinsindustrie, und was für eine Provision hätte man ihnen denn wohl zahlen können! Die Gruppe 47 hatte gar keine technischen Möglichkeit, einen Autor durch Boykott vom Publikum zu isolieren; aber als Schauergeschichte erzählt sich das behaglich.

Ich ging da gern hin. Für mich waren das die Tagungen meiner Innung, auf denen die Schreibenden vorzeigten, was sie gerade unter den Fingern haben, mit welchen Instrumenten sie neuerdings welchen Stoff bearbeiten. Dafür durfte man drei Tage des Jahres hergeben, und sei es nur gewesen um des Festes willen, das anmutig aufgeladen war durch die Mischung von Befreundeten, Verfeindeten, und Schadenfrohen. Die Auskunft war richtig gewesen: man durfte es nehmen als eine Eigenschaft des Berufs in diesem Lande.