Von Gunter Hofmann

Ottawa, im Juli

Ministerpräsident Trudeau, Robert und Philipp Hanft und Präsident Carter – das waren in chronologischer Reihenfolge die wichtigsten Gesprächspartner für Helmut Schmidt. Das Resultat seiner offiziellen Besuche in Kanada und den Vereinigten Staaten blieb bis zuletzt ungewiß. Von der privaten Wiedersehensfeier bei den Hanfts dagegen im gottverlassenen Duluth, nahe der kanadischen Grenze, das seine Blütezeit seit zwanzig Jahren hinter sich und keinen Aufschwung vor sich hat, stand vorab fest, daß es ein runder, schöner Erfolg werden müsse: das Familientreffen mit dem Bundeskanzler.

Er habe in Duluth „60 Verwandte geküßt“, verkündete der Kanzler tags darauf im Luftwaffenjet. Frau Loki gab intimere Einblicke in die Geschichte des Urgroßvaters Johann Heinrich Koch, der im vorigen Jahrhundert in die Staaten auswanderte und verantwortlich ist für die Verwandtschaft der deutschen Schmidts mit den 60 kanadischen Koch-Ahnen in Duluth. Die Chefs der Sippe, die beiden Hanfts, verdienen dort als Rechtsanwalt und Investmentberater ihr Geld. Nach, dem Kriege sandten sie Care-Pakete an die fernen Verwandten in Deutschland. Helmut Schmidt revanchierte sich und schaute schon in den fünfziger Jahren öfter in Duluth vorbei.

Die Kanada-Woche war nicht bloß als Präludium für den ersten Besuch Schmidts bei Carter gedacht, auch wenn es so scheinen mußte. Der Kanzler Wollte dem Land mit den vielen Kulturen speziell „bei der Suche nach Identität“ und überhaupt ein wenig helfen, hatte er vorausgeschickt. Daß auch der Gedanke an Bonns eigenes Interesse nicht ganz fern lag, tat der Liebe keinen Abbruch.

Im Vergleich zum Normalreisetempo des Außenministers Genscher bewegte sich der Kanzler in geradezu altmodischer Entspanntheit: als Segler auf einer Privatyacht in der Pat-Bay von Fort Vancouver, zwischen Flaute und Brise; als Gast des größten Cowboy-Rodeos der Welt in der Präriestadt Calgary; im deutsch-kanadischen Klub, der ein ganz spezielles „Modell Deutschland“ präsentierte, das aus Edelweiß, Lederhosen, Schuhplattler, Trachtenjankern und ähnlichen Versatzstücken einer getrübten Erinnerung besteht. Die Schmidts, auf Reisen ließen die Spektakel gelassen über sich ergehen.

Trudeau hatte Schmidt im äußersten Westen, in Vancouver, leger empfangen und glänzend bewirtet, eine Show für den Gast – und für sich. Tagelang machten die lokalen Zeitungen sich noch nachträglich Sorge, ob nicht die Ouvertüre für den Besucher zu provinziell ausgefallen sei, bei so viel politischer Größe. Trudeau lobte Schmidt immerhin als „einen der herausragenden Staatsmänner Europas“, andere sprachen von dem „Nachfolger Bismarcks und von Bethmann-Hollwegs“; die Vancouver Sun nannte ihn lapidar „Mister Europe“.