Von Anil Agarwal

Die nötigen Schutzvorkehrungen sind erkannt: Wirtschaftswachstum verlangsamen, neue Ölfelder entdecken, Energieverbrauch durch steigende Ölpreise drosseln. Doch was auch immer Politiker und Ökonomen in dieser Welt tun, sie werden die permanente Ölkrise nicht aufhalten können, die uns alle in weniger als einem Dutzend Jahren überrollen wird.

Das ist die düstere Prognose eines neuen Reports über die Weltenergiesituation, der bisher wohl umfassendsten, und technisch gründlichsten Studie zum Thema. Schon viel früher als erwartet wird demnach der Ölverbrauch das Angebot übertreffen. Die Ölkrise vom Herbst 1973 erschütterte die Weltwirtschaft, der Ölverbrauch aber stieg dennoch weiter an. Wenn in den nächsten Jahren keine alternativen Energiequellen erschlossen werden, so warnt der nun veröffentlichte WAES-Report Energy: Global Prospects 1985–2000, dann wird die Wirtschaft dieser Erde zu Bruch gehen.

WAES steht für Workshop on Alternative Energy Sources, einer 35köpfigen Arbeitsgruppe für alternative Energiequellen mit Experten aus 15 Ländern. Unter der Leitung des US-Professors Carrol Wilson vom Massachusetts Institute of Technology studierte das Team zweieinhalb Jahre lang die Energiesituation von 15 Ländern, die zusammengenommen mehr als 80 Prozent der Weltenergie außerhalb des Ostblocks verbrauchen – darunter die USA, Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland, aber auch die drei ölproduzierenden Entwicklungsländer Mexiko, Iran und Venezuela.

Die meisten Regierungen und Wirtschaftsunternehmen planen nur auf fünf bis zehn Jahre voraus, und bis 1985 sieht die Versorgungssituation in der Tat einigermaßen zufriedenstellend aus, wie die WAES-Gruppe kommentiert. Doch nach diesem Zeitpunkt wird die Energielücke sich rasch zu einer wahren Schlucht weiten. Im Jahr 2000 würde die Welt 26 bis 28 Prozent mehr Öl verbrauchen als produziert werden kann – falls vorher nichts geschieht. Da es etwa zehn Jahre dauert, bis Ersatz-Energiequellen wie Kohle oder Kernenergie einsatzreif sind, muß jetzt gehandelt werden.

Wenn etwa Saudi-Arabien, das 27 Prozent der Ölreserven außerhalb des Ostblocks kontrolliert, seine Produktion auf dem gegenwärtigen Stand von neun Millionen Faß pro Tag hält, dann könnte die nächste Ölkrise schon 1981 kommen. Selbst wenn die Saudis ihre Tagesproduktion auf 20 Millionen Faß (mehr als drei Millionen Tonnen Öl) erhöhen würden, ließe sich die Krise um ganze acht Jahre verschieben.

Sind die Aussichten für Industrienationen schon trübe, so sind sie für die Entwicklungsländer Südamerikas, Afrikas und Asiens geradezu düster. Die Dritte Welt zählt mehr als 90 Nationen mit sehr unterschiedlichen Wachstumsraten und Energievorräten. Bevor jedoch die meisten dieser Staaten selbst ihre geringsten Hoffnungen auf einen anständigen Lebensstandard erfüllen können, wird die von WAES angekündigte zweite Energiekrise bereits da sein.