George Mikes schrieb vor etwa drei Jahrzehnten über Krimis, daß sie keine Literatur seien und mit Büchern nur gemeinsam haben, daß sie wie Bücher aussehen und im Prozeß des Lesens konsumiert werden; so wie eine Droge Nahrungsmitteln ähnelt, indem man sie in den Mund nimmt und herunterschluckt.

Mikes hatte es leicht, die Nichtliteraturkrimis zu verspotten, weil er kein Krimi-Leser ist oder zumindest damals keiner war. Ich bin Krimi-Leser und denke mit nostalgischer Sehnsucht an jene Zeiten, als Krimis noch keine Literatur sein wollten. Ein Krimi hat seine Gesetze – es ist mir egal, ob es literarische oder nichtliterarische sind –, die jeder einigermaßen erfahrene Krimi-Leser kennt, im Unterschied zu vielen Krimi-Autoren und -Verlegern. Ein Krimi, ob es ein whodunit, ein howdunit oder eine andere Kategorie ist, muß immer ein Rätsel bieten, eine logische Aufgabe zum Mitdenken. Alles, was von dieser Aufgabe ablenkt, ist Ballast, abgesehen natürlich von falschen Spuren, die das Problem komplizieren.

Es ärgert mich, wenn ich mit zwanzig Seiten einer dünnen Krimigeschichte hundertachtzig Seiten Sozialprobleme schwedischer Bauern oder deutscher Schulmisere mitlesen muß. Wenn ich mir einen Krimi kaufe, will ich nicht eine Geschichte der Resozialisierungsschwierigkeiten eines entlassenen italienischen Häftlings lesen, der am Ende ein für die Geschichte überflüssiger und keineswegs rätselhafter Mord angehängt wird, nur damit man es als Krimi bezeichnen kann. Die Korruption bei der New Yorker Polizei kann als Thema für ausgezeichnete Nichtkrimi-Romane dienen, und sie tat es auch. Die Tatsache, daß die Helden eines Buches Verbrecher oder Polizisten sind, macht das Werk nicht zum Krimi. Selbst eine Mordgeschichte tut es nicht – siehe zum Beispiel Dostojewskij.

Über alle diese Probleme, die man mir mit „Krimi“ getüncht verkauft – schwedische Bauern, deutsche Schüler, italienische Ex-Häftlinge –, gibt es andere Bücher – oder sie können unter ehrlicher Bezeichnung verlegt werden –, und ich kann sie mir kaufen, wenn ich will. Jetzt muß ich für jede Zugreise mindestens drei als Krimis bezeichnete Bändchen mitnehmen, damit ich vielleicht einen Krimi dabei habe.

Mag sein, daß Mikes recht hat und das, wonach ich mich sehne, eine Droge ist. Dann bin ich ein Süchtiger und will nicht, daß man mir meinen Stoff mit Nahrungsmitteln vermengt, selbst mit Zucker nicht. Zumal es meistens – den ökonomischen Gesetzen entsprechend – die billigsten Nahrungsmittel sind.

Diese Literaturkrimis, die keine Krimis sind, haben von jener Tradition der Gattung, die Mikes kritisierte, nur eines beibehalten: daß sie keine Literatur sind.

Psychologisch ist das Handeln der Literaturkrimi-Autoren verständlich. Es sind anständige, ja feine und oft auch progressive Menschen. Sie genieren sich, Krimis zu schreiben, oder/und können es nicht. Sie genieren sich aber auch, gierigen Krimisüchtigen reine Literatur zu bieten, und/oder können es nicht. Deshalb liefern sie ein Gemisch nach dem Rezept jenes Nachtigallpasteten-Herstellers, der seine Ware halbe-halbe mit Pferdefleisch vermengte: eine Nachtigall, ein Pferd.