„Blaubart Mitte 40“, Roman von Dieter Hildebrandt. Sarah ist überall. Zwischen sieben und acht steht der Brückenbauer Falck unter der Dusche, Sarah sitzt nebenan. Um halb neun gleichen Tags ist er zum Frühstück mit Enid verabredet – wer sitzt im Café? Sarah. Das muß so eine Art Transsubstantiation sein, oder wie das heißt. Denn bewegt hat sie sich in der Zwischenzeit nicht. Auch sonst bewegt sie sich wenig, tätig ist sie indessen doch. Dem berühmten Falck stirbt eine Geliebte nach der anderen weg, was um so ärgerlicher ist, als er fertiggebracht hatte, was andere nur erotisch wunschträumen: er hatte sechs Frauen gleichzeitig, die sich umschichtig in seine Arme legten, auf individuell von Tag zu Tag andersfarbiger Bettwäsche. Herrschaft, hat der Mann es gut. Aber die Gerechtigkeit schläft nicht, und das Buch ist das Protokoll weiblicher List und Rache. Dem Falck wird es langsam angst und bange. Er fängt an zu ahnen, daß seine Lebensbahn zum Steilhang geworden ist, recht hat er, und was ihm als letztes durch den Kopf schoß, war ’konsequenterweise kein Gedanke. Hildebrandt hat das schön aufgebaut. Ein Traumschloß für uns unmoralische Genüge ist-nie-genug-Männer und den moralischen Dachstockbrand gleich hinterher. Zum Glück stirbt Falck, nicht wir (die wir freilich auch nur Stümper sind gegen ihn). Liest sich amüsant, dieser Weiberkrimi, hat ein paar schöne „Stellen“, dieses Blaubart-Epos – und läßt einige Rätsel zurück. Zum Beispiel dieses mir immer noch unerklärliche: am Anfang wird rückgeblendet auf einen Mord, und da ist das Einschußloch in der Windschutzscheibe. Neugierig haste ich im Schweinsgalopp durch das Buch, am Ende wird auf die gleiche Szene zurückgeht endet, da ist das Einschußloch im Seitenfenster. Erkläret mir Graf Oerindur dieses Wunder der Natur! (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1977; 213 S., 22,– DM.)

Reinhardt Stamm

„Eros in Griechenland“, von John Boardman, Eugenio La Rocca, Antonia Mulas. Ein ausgewogener Band, in dem sich Bild und Text ebenso gut ergänzen wie die Zeugnisse aus den Bereichen von Literatur und bildender Kunst. John Boardman beschreibt ansprechend vielseitig die Mythen und Sagen, die Götterwelt wie die Alltagsszenen in seinem Essay „Der griechische Eros – die Liebe in griechischer Kunst und Gesellschaft“; Eugenio La Rocca stellt eine sorgfältig selektierte Auswahl erotischer Kunst aus Griechenland mit viel archäologischer Detail-, kenntnis vor; die Photos von Antonia Mulas werden großartigen Landschaften ebenso glänzend gerecht wie winzigen Miniaturen, sie bieten das Bild der Welt, in der die Gestalt des Eros geboren wurde, in Klarheit und farbiger Fülle. Das Bildmaterial ist thematisch weit gestreut, es zeigt Zartes wie Zotiges, kindlich Reines und Raffiniertes, es dokumentiert die ein- wie die zweigeschlechtliche Liebe, die Zweierbegegnung und das Gruppengeschehen. Die Charakterisierung Boardmans läßt sich leicht ablesen: „Genuß, Humor, Abwechslung.“ Der Leser und Betrachter erfährt an dem Band, was der Eros jenen frühen Europäern bedeutet und vermittelt: „Betontes Entzücken“, (List Verlag, München, 1977; 171 S., 65,– DM.)

Bernhard Kytzler

„Jedermann sein eigener Fußball“/„Die Pleite“, herausgegeben von Wieland Herzfelde. Die erste (und einzige) Nummer von „Jedermann sein eigener Fußball“ erschien im Feburar 1919 nach der blutigen Niederschlagung der Januar-Rebellion der Berliner Arbeiter. Die Zeitschrift wurde sofort verboten, und ihr Herausgeber Wieland Herzfelde in zweiwöchige „Schutz“haft genommen. Nach der Haftentlassung gründete Herzfelde die Zeitschrift „Die Pleite“, an deren sieben Ausgaben sein Bruder John Heartfield, George Grosz, Walter Mehring, Franz Jung und andere mitarbeiteten. Diesen – mit dem unzureichenden Etikett: dadaistisch – versehenen Zeitschriften hängt der Ruf einer berserkerhaften und bedingungslosen Lust am Bürgerschrecken an. Wer heute in den faksimilierten Ausgaben blättert, wird erstaunt sein, mit welch einfachen und groben Mitteln man die neue Staatsmacht, die sich dank der sozialdemokratischen Befriedungspolitik von der des Kaiserreichs kaum unterschied, provozieren konnte (Refrain von Walter Mehrings „Coitus im Dreimäderlhaus“: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall/Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:/Ein deutsches Weib, ein deutscher Suff/Ach Manne hak mir die Taille uff!“). Wenn es darum geht, die Bourgeoisie zu verhöhnen, deren Physiognomie (immer noch frisch und scharf; die Zeichnungen von George Grosz) offenbar mehr Wert beigemessen wird als ihrer politischen und ökonomischen Praxis, sind die Autoren zupackend und halbwegs witzig. Fern der konkreten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sind die politisch argumentierenden Artikel, die höchstens bis zu einem Proudhonschen Anarchismus reichen. Was dennoch diese nur vier Seiten umfassenden Zeitschriften aufregend und auch heute, noch lesenswert macht: daß in ihnen sehr schillernd und vielfältig gebrochen das Chaos einer gesellschaftlichen Übergangszeit durchscheint, in der über den Niedergang bürgerlicher Politik und Ideologie verstörte Bürger eine antibürgerliche Rebellion inszenierten. (Reprint im Verlag Gaehme/Henke, Köln, 1977; 15,– DM.)

Claus-Ulrich Bielefeld