Von Traugott König

Die viel beklagte Lesemüdigkeit vor allem gegenüber allgemein orientierenden Werken der Humanwissenschaften im weitesten Sinn ist verständlich als Überforderung durch eine unübersehbare Überproduktion, mit welcher der Buchmarkt die Verunsicherung durch den Verlust sicherer Kriterien und die Suche nach schnellen Orientierungen auszubeuten trachtet. Hinzu kommt, daß der scharfe Konkurrenzkampf die im Kultur- und Lehrbetrieb Beschäftigten dazu verführt; rasch einen terminologischen Panzer abzusondern, mit dessen Hilfe sich die Verteidigung der beruflichen Position als Absolutheitsanspruch des eignen Orientierungsangebots betreiben läßt.

Besonders auf dem Gebiet der Literaturkritik – oder modischen der semiologischen Untersuchung literarischer Konstrukte – fällt auf, daß der Zerstörung gewohnter Sprach- und Erzählstrukturen durch die zeitgenössische Literatur eine starre Dogmatik der Interpretationstheorien und -techniken gegenübersteht.

In dieser stickigen Situation ist es erfrischend, wenn man ein Interpretationsmodell entdeckt und anpreisen kann, daß einem derartigen Angebot nicht einfach ein neues hinzufügt, sondern die vorliegenden Interpretationsmethoden unter einem synthetischen Gesichtspunkt an einem bedeutenden Text vorexerziert. Als ein solches Modell, das sich zu einem Muster literarischer Interpretation weiterentwickeln ließe, erweist sich die Untersuchung von –

Jacques Leenhardt: „Politische Mythen im Roman – Am Beispiel von Alain Robbe-Grillets ‚Die Jalousie oder die Eifersucht’, aus dem Französischen von Jochen und Renate Hörisch; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 303 S., 28,– DM.