Am Samstag, dem 25. Juni, "beehrten" sich Frankfurter Rollstuhlfahrer (so der Text der Verleihungsurkunde), der Hauptpost eine Kurt-Gscheidle-Gedächtnis-Rampe zu schenken. Drei Jahre hatte die Post geplant, geplant, geplant. Da handelten die Behinderten selbst. Die Holzrampe wurde von der Bevölkerung sofort in Gebrauch genommen. Ältere Bürger, Frauen mit Kinderwagen, selbst die Briefzusteller mit ihren Postwägelchen kamen fortan über die dem Postminister gewidmete Rampe.

Doch die Rampe verschwand am gleichen Nachmittag im Keller der Hauptpost. Wegen der Unfallgefahr. Passanten hätten drüber fallen und sich verletzen können, hieß die Begründung. War die Einweihung der Kurt-Gscheidle-Gedächtnis-Rampe schon mit viel Brimborium vonstatten gegangen, nun geriet die Aktion "Behinderte helfen der Post" zur Amtsposse.

Am Montag nach dem Rampenbau versicherte ein Vertreter der Post: "Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir alle Hebel und Register in Bewegung setzen, eine Lösung herbeizuführen."

Tatsächlich, am nächsten Tag war eine Lösung geboren. Doch die Behinderten rieben sich verdutzt die Augen: Die "rollstuhlgebundenen Kunden" wurden nun von der Gepäckabfertigung abgefertigt. Dazu mußten sie einen guten halben Kilometer um die Post in eine Seitenstraße rollen und dort den Weg durch den Hinterhof wieder zurück. Die Postplaner hatten den ersten Frankfurter Rollstuhl-Wanderweg ausgeschildert.

Am 5. Juli sendete das Fernsehmagazin Report (SWF) die "Geschichte der Kurt-Gscheidle-Gedächtnis-Rampe". Um 16 Uhr 30, wenige Stunden vor der Ausstrahlung, lief in Baden-Baden ein Fernschreiben des also "geehrten" Postministers ein. Der Minister habe den sofortigen Bau angeordnet. Just um die Zeit, da des Postministers Rampen-Ja feststeht, überbringt ein Eilbote in Frankfurt den endgültigen Bescheid, daß die Rampe auf keinen Fall zu bauen geht.

Am nächsten Tag müssen die Frankfurter Postler umdenken lernen. In Bonn wird bis nachts um ’21 Uhr über der Rampe gebrütet. Eine Arbeitsgruppe trägt zur Zeit eine Dokumentation zusammen, was die Post schon alles für Behinderte getan hat. Der Minister in einem persönlichen Schreiben: "Die Berücksichtigung der Bedürfnisse unserer behinderten Mitbürger bei der Benutzung der Einrichtungen und Dienstleistungen der Deutschen Bundespost ist mir ein besonderes Anliegen." Die Behinderten in anderen Städten werden sich nun auf die positive Einstellung des Ministers berufen können.

Der Minister hat inzwischen Anweisung gegeben, daß bei Neu- und Umbauten strikt behindertengerecht zu bauen ist. 600 öffentliche Fernsprecher werden zur Zeit für Behinderte eingerichtet. Außerdem verspricht der Minister, "daß er bei Einführung des Telephonnahdienstes mit Zeittakt im Bundesgebiet das spezielle Kommunikationsbedürfnis behinderter Bürger durch entsprechende Gebührenvergünstigungen berücksichtigen wird".