Von Kurt Becker

Das erste große außenpolitische Desaster des Westens, vor allem auch des Kanzlers Konrad Adenauer, ist dem Bewußtsein längst entrückt: Der Untergang des Vertrages über die Europaische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Das anspruchsvolle Vorhaben – eine voll integrierte supranationale Streitkraft von sechs Nationen – scheiterte am 30. August 1954 an dem unüberwindbaren Widerstand der französischen Nationalversammlung, Aber der zumal von den Vereinigten Staaten erhobene Wunsch nach einem Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik überlebte die Zerstörung der in kühnen Denkansätzen entworfenen Struktur einer europäischen Militärunion, die ja in erster Linie der deutschen Wiederbewaffnung ein internationales Gehäuse überstülpen sollte. Es geschah nach einem kurzen und heftigen Schock sogar das bis dahin Unvorstellbare: Die Bundesrepublik wurde kurzerhand in das westliche Verteidigungsbündnis aufgenommen – von jenen Westmächten, den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich, die gerade dies immer als indiskutabel abgelehnt hatten.

Gleichwohl wurde Adenauer nach der schrecklichen Niederlage seiner Politik nicht nur eine unerwartete Satisfaktion zuteil. Es zerrann auch die Illusion, in Bonn und anderwärts, die westeuropäischen Sechs nach der Initialzündung einer Verteidigungsgemeinschaft alsbald zu einer Föderation zusammenfügen zu können. Der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wurden damals nur wenige melancholische Nachrufe gewidmet; ihre Konstruktion schien sich allzu wirklichkeitsfern über die Erfordernisse der verteidigungspolitischen Effizienz hinwegzusetzen. Doch der Fehlschlag von 1954 und die Ursachen, die ihn herbeiführten, haben Europas Zukunft geprägt – bis heute. Die Studie des Münchener Politikwissenschaftlers

Paul Noack: „Das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“; Droste Verlag, Düsseldorf 1977; 202 Seiten; 38,– DM

erhebt nicht den Anspruch auf eine zeitgeschichtliche Darstellung der aufregenden Entscheidungsprozesse vor und nach jenem 30. August. Der Autor wollte vor allem untersuchen, unter welchen Voraussetzungen die Regierungschefs und Politiker, in dieser wichtigen Phase der Nachkriegszeit handelten. So entstand zugleich eine Analyse des politischen Umfeldes und eine Deutung der Beweggründe, von denen sich Adenauer und sein Gegenspieler, der französische Premier Pierre Mendès-France, der amerikanische Außenminister John Forster Dulles so wie die britischen Staatsmänner Sir Winston Churchill und Sir Anthony Eden leiten ließen.

In diese Studie sind indessen so viele bisher unerörterte Fakten und Zusammenhänge eingeflossen, daß dem Leser das Dilemma des Jahres 1954 einprägsam vor Augen geführt wird. Viele Gespräche mit den Handelnden von damals haben dazu beigetragen. Der Gewinn für den Leser besteht auch darin, daß seine Urteilsfähigkeit geschärft wird; er wird viele Ursprünge und Konstanten der nationalen außenpolitischen Grundrisse besser begreifen und verstehen, warum damals der große Wurf mißlingen mußte, warum auch heute selbst bescheidene Ansätze in der europäischen Einigungspolitik eine elende Plackerei erfordern.

Die zentralen Figuren der Studie sind Konrad Adenauer, der wohl engagierteste Anhänger der EVG, und Pierre Mendès-France, der den Vertrag bei seinem Amtsantritt als Premier fertig vorfand und nicht bereit war, dessen Schicksal mit dem eigenen zu verknüpfen.