Heute begibt sich Telebiss an die Ursprünge, zum guten alten Dampfradio. Genauer gesagt: zum Rundfunk in Hamburg. Hier gibt es auf NDR II von Montag bis Freitag regelmäßig um 17.35 Uhr nach den Nachrichten die „Umschau am Abend“, eine einstündige Magazinsendung mit Musik und durchschnittlich sieben Berichten und Reportagen aus dem Leben Hamburgs. Die „Umschau“ ist eine viel gehörte Sendung. Von ihr wird erwartet, daß sie so informativ wie ein guter Lokalteil ist – in Hamburg schmerzlich entbehrt, weil die dortigen Zeitungen – zu Springer-hörig oder zu SPD-gläubig – dazu nicht in der Lage sind.

Im Rathaus wird die „Umschau am Abend“ mit langen Ohren abgehört. Oppositionschef Jürgen Echternach, CDU, registriert nicht minder genau, wie herzlich sich die „Umschau“ mit seiner Partei beschäftigt.

Zum 1. September soll die Sendung nun einen neuen Chef bekommen. Zur Auswahl standen Reinhard Baumann, Hörfunk-Korrespondent des NDR in Bonn, vorher Jahrelang landespolitischer Redakteur in der „Umschau“. Er war der Favorit des der SPD zugerechneten stellvertretenden Hörfunk-Chefredakteurs Jürgen Kellermeier, aber auch der SPD im Rathaus. Obwohl nicht Mitglied der Partei, war Baumann derjenige unter den „Umschau“-Mitarbeitern, der Bürgermeister Hans-Ulrich Kloses politische Überzeugungen am einfühlsamsten über den Sender brachte. Dagegen hatte er für Jusos, Bürgerinitiativen und Helga Schuchardts FDP nicht viel übrig.

Für Kellermeiers Vorgesetzten, Chefredakteur Hans Soltau, der im Sender auf CDU-Ticket reist, war Baumann nicht die ideale Wahl. Er fand die SPD-Positionen schon durch Cornelie Sonntag, die jetzige landespolitische Redakteurin und stellvertretende Chefin der „Umschau“, ausreichend vertreten. Cornelie Sonntag ist eingeschriebenes SPD-Mitglied. und hat ein großes Herz für alles, was ihr Vorgänger Baumann weniger mochte: Jusos, Bürgerinitiativen und Helga Schuchardts FDP. Soltau favorisierte den Zeitfunk-Redakteur Gerd Behnke, einen seriösen Kandidaten, für den vornehmlich sprach, daß er der CDU genehm war, weil er ihr angehört.

Programm-Direktor Wolfgang Jäger, der im NDR-Parteien-Proporz der SPD zugeschlagen wird und wiederum der Vorgesetzte von Soltau ist, hatte anfangs auf Baumann gesetzt. Eines Tages änderte er seine Meinung und machte sich die Vorstellung von Intendant Martin Neuffer zu eigen. Neuffer fand, daß sich Wolfgang Bombosch, der Betriebsratsvorsitzende des NDR, auf dem Stuhl des „Umschau“-Chefs am besten machen würde. Bombosch, Mitglied der SPD und bislang Redakteur des Jugendfunks (davor auch drei Jahre lang landespolitischer Redakteur der Umschau), ist durch die Sendung „Pop und Politik“ breiteren Hörerkreisen bekannt geworden – ein Magazin, dessen heftig nach links ausschlagende Kommentare den Blutdruck selbst liberaler Hamburger regelmäßig in die Höhe trieb. Neuffers Überlegung entbehrt nicht der Logik: Der angeschlagene Intendant sucht die Schulter des Betriebsratsvorsitzenden, um sich für die kommenden Monate abzustützen. Ohne Bomboschs Mitwirkung kann er sein Sparprogramm, bei dem auch Personal eingespart werden soll, nicht durchsetzen.

Was Telebiss wundert: Spüren die NDR-Journalisten eigentlich nicht, daß sie nur Würfel im Interessenspiel der Politiker sind? Sie glauben, das politische Spiel beeinflussen zu können, aber sie merken gar nicht, daß sie nicht an ihren journalistischen Ansprüchen gemessen werden, sondern nach ihrer politischen Zweckmäßigkeit.

Eines steht fest: Wegen Bombosch kann die SPD nicht auf die Barrikaden gehen, er ist schließlich ihr Genosse. Aber da er nicht ihre Wahl war, wird Intendant Neuffer die Rechnung von den Sozis eines Tages präsentiert bekommen. Von der CDU bekommt er sie schon eher.

PS.: Kopfschüttelnd fragt man sich, wie ein Betriebsratsvorsitzender, belastet mit den Sorgen und Nöten von 3000 NDR-Mitarbeitern, auch noch die wichtigste Lokalsendung Hamburgs moderieren, inspirieren, führen und verantworten will. Aber darüber wagt sich keiner im NDR aufzuregen. Telebiss