ZDF, Sonntag, 10. Juli: "Rückzug in die Wagenburg? – Die Weißen in Südafrika", von Peter Berg.

Der Anfang kam erst zum Schluß: Recht unvermittelt schloß Peter Berg seinen Südafrikafilm mit Bildern des berühmten Denkmals der nicht minder berühmten Wagenburg, jenes Symbols burischer Hartnäckigkeit und Opferbereitschaft, die allen Verfolgungen, Niederlagen und Widrigkeiten getrotzt haben – bis jetzt wenigstens. Nach 45 Minuten wurde endlich die Frage gestellt, die als Titel herhalten mußte: "Sind die Südafrikaner wieder auf dem Rückzug in die Wagenburg?" Sie hätte besser den Film eingeleitet, der mangels einer klaren Fragestellung streckenweise mehr verwirrte als aufklärte.

Bergs Meinung freilich wurde klar: Die Südafrikaner sind bereit, der ganzen Welt zu trotzen und lieber mit fliegenden Fahnen unterzugehen, als ihre weltweit verurteilte Politik der Rassentrennung zu mildern, geschweige denn so weit aufzugeben, daß eines Tages eine Mehrheitsregierung die Macht übernimmt – oder in den Worten des neuen südafrikanischen Außenministers Pik Botha: "Wir werden nie ein System akzeptieren, das die Vernichtung unseres Volkes bedeutet." So weit, so klar. Aber wie verträgt sich der defensive Rückzug in die Wagenburg mit dem offensiven, aller Vernunft hohnsprechenden Vorgehen gegen die Schwarzen? Wie lassen sich Vorbereitungen auf einen Guerillakrieg mit der erbarmungslosen Ausbeutung, der persönlichen Bereicherung zu Lasten der Neger und Mischlinge, der immer noch zunehmenden Verfolgung Oppositioneller auf einen Nenner bringen? Lust am Selbstmord? Oder Bereitschaft, lieber ein Ende mit Schrecken in Kauf zu nehmen als einen Schrecken ohne Ende?

Sicher, die offiziellen und offiziösen Begründungen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Schwarze Herrschaft bedeutet Untergang der Weißen, und der dekadente, mit dem Kommunismus liebäugelnde Westen hat verlernt, daß Härte die Voraussetzung des Erfolges ist. Pik Botha sagte es in dem Interview – dem einen Glanzstück der Sendung – eher beiläufig: "Die Zeit ist für uns. Wir verzichten nicht auf das Geburtsrecht, uns selbst zu regieren." Es klingt lächerlich und ist doch ein Schlüssel zum Verständnis. Aber Berg hat ihn nicht genutzt, leider nicht. Er hätte fragen müssen, was die "Wagenburg" bedeutet, hätte einige Minuten an die Erklärung verwenden müssen, was die Buren, jene eingewanderten Niederländer, stets bewogen hat, die Mühsal dem Kompromiß vorzuziehen, die Not der Anpassung.

Ziemlich zu Anfang fiel das Wort von der "gottgewollten Herrschaft" (der Weißen). In der Tat erklärt nur die Verquickung religiöser Motive mit der Alltagspolitik die Haltung der Buren, ihr Festhalten an der Tradition, ihre Intoleranz, die sich im besten Fall als patriarchalische Bevormundung der Schwarzen äußert. In Südafrika ist ein Stück früher Neuzeit im Denken und Urteilen lebendig geblieben, ein erratischer Block im .Strom ideologischer Veränderungen. Pik Botha, angeblich Führer der "Erleuchteten", der vorgeblich Reformbereiten innerhalb der (burischen) Nationalpartei, kann viel Heiterkeit mit dem Satz erregen: "Ich bin bereit, für das Land zu sterben, aber nicht für die Rassentrennung in Aufzügen." Aber vom Prinzip, vom gottgewollten Prinzip der Rassentrennung abzugehen – das kann auch dieser Mann nicht. Ein Schwarzer erklärte es in diesem Beitrag überdeutlich, Washingtons UN-Botschafter Andrew Young: "Friedlicher Wandel ist immer noch möglich." Seine unbewegte Miene überdeckte den Hohn in seinen Worten; friedlicher Wandel ist nicht mehr möglich, der point of no return ist überschritten, es bleibt nur noch die Wagenburg, die Verteidigung des reinen Prinzips.

Wie das aussieht, zeigte das zweite Glanzstück, die Befragung schwarzer Landarbeiter durch den "Baas", ob sie zufrieden seien. Natürlich waren sie es, mußten sie es sein, aber ihre von den weißen Herren entliehenen Argumente waren entlarvend: "Wir sind hier geboren, schon unsere Eltern haben für die Eltern des Baas gearbeitet." Kein Wort von guter Bezahlung, sozialer Sicherheit oder dergleichen, nein, die Tradition zählte, Werte, die in Europa mit Skepsis betrachtet werden, aber in diesem von Europa abgeschnittenen Teil der Welt noch Gewicht besitzen. Warum "bannt" die Regierung Oppositionelle, schickt sie für Jahre in Hausarrest, in den "sozialen Tod"? Nicht nur der möglichen Gefahr wegen, sondern weil, es Häretiker sind. Die geistige Zeit ist in Südafrika langsamer abgelaufen, dort wird eine andere Sprache gesprochen als im Westen oder in Schwarzafrika.

Berg nannte die Errichtung der schwarzen Homelands eine "Alibi-Politik" der Apartheid. Zu Recht. Aber er hätte auch sagen müssen, daß darin jenseits aller Egoismen etwas vom Prinzip sichtbar wird – das "Land der reinen Lehre" (Smuts) zu erhalten. Was er schilderte, war die akribische Vorbereitung eines Selbstmordes. Man hätte auch gerne etwas über die Motive erfahren.

Horst Bieber