Solingen

Acht weltbekannte Buchstaben mit einem Balken darüber und einen Haken darunter verhalfen dem bergischen Solingen zu Schlagzeilen und Fernsehruhm. Die Lokalpolitiker der Klingenstadt, die Weltruf durch Qualität im Wappen führt, wollten die Einwohner verstärkt am kommunalen Gestaltungsprozeß partizipieren lassen und riefen zum großen Schriftzugspiel „alle machen Solingen“ auf.

Regie bei der Imagekampagne führte der Kunstprofessor, Gestaltungslehrer und Architekt Wolfgang Körber, der das Solingen-Spiel im Auftrag der Stadt inszenierte. Über eine mangelnde Resonanz konnte er sich nicht beklagen. Wo andere Kommunen Werbeprofis einsetzen, damit das Stadtlayout ein schickes Signet erhält, setzten die Solinger aus allen nur denkbaren Materialien – von Kuhdung bis Brotteig – neue Stadtembleme zusammen. Der Solinger Schriftzug wurde verwurstet, gestickt, geklebt, geschweißt, gepflanzt oder in den stadttypischen Utensilien dargestellt.

Karl Klingelhöller komponierte mit Solinger Produkten und formte S-o-l-i-n-g-e-n aus Taschenmessern, Scheren, Rasierklinge sowie Besteckteilen. Daß Solingen auch zum Känguruh taugt, demonstrierte der Schriftsetzer Manfred Ausbüttel, der die acht Buchstaben mit dem Balken aus der gewohnten horizontalen in die senkrechte Stellung brachte, so daß der Peitschenhaken unter dem „G“ wie ein Beutel wirkte. Ausbüttels Begleittext zu diesem Entwurf: „Nach wachsenden Exporterfolgen – auch im fünften Erdteil aufrecht.“

Beim Solinger Tageblatt stapelten sich schnell die Entwürfe: Solingen gehäkelt, Solingen aus Briefmarken montiert oder aus Kommunalpolitikerköpfen geformt.

Die Stadtväter wurden von Woche zu Woche mehr in Erstaunen gesetzt, was da in den vier Altersgruppen und fünf Wettbewerbskategorien – der liebenswerteste, der mutigste, der bergischste, der schärfste Und der verrückteste Schriftzug – an originellen Einfällen ans Tageslicht kam. 1150 Ideen für die Klingenstadt gingen während der sieben Wochen dauernden Aktion ein.

Die positiven Dinge ins Bewußtsein zu rücken, das Produkt Stadt attraktiv zu machen und Sympathie für sie zu wecken, ist das Anliegen von Wolfgang Körber, der der Messerstadt eine „lädierte Tradition“ bescheinigt. Die Diagnose des 43jährigen: „Nach dem Hämmern auf dem Eisen im stillen Tale war die Sangesfreudigkeit lange Zeit der einzige kulturelle Ausgleich.“ Nie habe die Stadt größeres Aufsehen erregt, sondern immer ein Dasein im Schatten größerer Nachbarn geführt. Zum schwindenden Selbstvertrauen der Solinger hat nach Körbers Meinung die Tatsache beigetragen daß die Klingenindustrie längst nicht mehr die alte Bedeutung habe und Solinger Produkte auf dem Weltmarkt scharfer japanischer Konkurrenz ausgesetzt seien.