Von Rolf Zundel

Jahrelang war das Amt in die Zone des Vergessens geraten, ganz damit beschäftigt, so beschrieb ein boshafter Spötter seine Funktion, die Selbst-Organisation in Gang und die Maßstäbe hoch zu halten. Mit der politischen Wirklichkeit war es vor allem durch eines verbunden: einen nie versiegenden Strom von wenig gelesenen Hochglanzbroschüren. Jetzt rückt es wieder ins Blickfeld, sichtbar geworden im Wetterleuchten vermeintlicher oder wirklicher Gefahren und Krisen: das Bundesamt für Zivilschutz.

Warum das neue Interesse? Der Präsident, Paul Wilhelm Kolb, findet manche Gründe. Da gab es einmal, im Sommer 1975, die Waldbrände von Niedersachsen eine Katastrophe von ungewohntem Ausmaß für die Bundesrepublik. Plötzlich wurde damals offenbar, daß die zuständigen Beamten mit dem Krisenmanagement weit überfordert waren. Es waren jene Kreis- und Stadtdirektoren, die ja auch im Fall eines Krieges, der hierzulande „Verteidigungsfall“ und im papierenen Amtsjargon „V-Fall“ genannt wird, die Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung tragen eine beunruhigende Aussicht.

Da gab es, passend zum kühler gewordenen Ost-West-Klima, beginnend etwa vor einem Jahr, eine neue Diskussion über die Zusammenhänge von Abschreckung und Zivilschutz. Manche schon geleisteten und noch mehr angekündigte Zivilschutzanstrengungen der Sowjetunion lösten die Debatte aus. Einige Politiker der Bonner Opposition, voran Alfred Dregger, griffen das Thema auf, sprachen von „geänderten militärischen und politischen Rahmenbedingungen und fragten: „wäre die Bundeswehr, eine Wehrpflichtarmee, moralisch wie militärisch überhaupt in der Lage Zu kämpfen, wenn Vorbereitungen für einen Schutz der Zivilbevölkerung fehlen?“ Dies ist eine Überlegung, die man inzwischen auch von manchen Sozial-Liberalen hören kann. Jedenfalls, so meint Kolb, „es wird wieder über Zivilverteidigung gesprochen“.

Manchmal ein wenig zuviel. Wenn der Bevölkerungsschutz im Kriegs- und Katastrophenfall – noch immer Wirkt die Notstandsdebatte nach – auf der Linken gern verdrängt wird, so neigen die rechten Freunde des Zivilschutzes zu ebenso untauglicher Überbewertung. Zufällig ist das nicht; denn die Zivilverteidigung ist in der Krise geprägt worden, zuerst in der um Suez 1956, dann in der um Kuba 1962. Entsprechend hoch griffen die Zielvorstellungen. Von einer zweiten Armee neben der Bundeswehr wurde geträumt – 600 000 für den Verteidigungsfall ausgebildete Helfer und möglichst vollständiger Schutz im Atomkrieg wurden gefordert.

Die Wirklichkeit blieb hinter diesen Zielen kläglich weit zurück. Damals entstand der fatale Eindruck, die Regierung habe am Ende für die Bürger nur die Empfehlung, sie sollten sich die Aktentasche über den Kopf stülpen. Damals wie jetzt bäumten sich viele gegen solche Schutzlosigkeit auf. Aufs neue wird heute hinter manchen Kommentaren die makabre Vorstellung sichtbar, die Bundesrepublik sollte es den Chinesen nachmachen, also riesige Tunnelsysteme unter den Städten bauen.

Solche Ziele verficht Kolb nicht mehr. Er benutzt Vokabeln wie „Stetigkeit“, „Gelassenheit“, und er gibt, aus bitteren Erfahrungen des Amtes klug geworden, einfachen, billigen Konzepten den Vorzug – schon deshalb, weil nur sie eine Chance haben, halbwegs verwirklicht zu werden.