In der Türkei wird es nicht zu einer Großen Koalition kommen. Suleyman Demirel, der Führer der Gerechtigkeitspartei, lehnte das offenbar unerwartete Koalitionsangebot von Bülent Eçevit ab, dessen Republikanische „Volkspartei als stärkste Kraft, aber ohne absolute Mehrheit aus den Juni-Wahlen hervorgegangen war.

Eine Demirel-Eçevit-Koalition war schon in den vergangenen drei Jahren wiederholt von einflußreichen Kräften in der Armee, der Industrie, in Gewerkschafts- und Universitätskreisen gefordert und auch von Staatspräsident Korutürk gewünscht worden. Dahinter stand die Hoffnung, die religiös fundamentalistische Wohlfahrtspartei des Abgeordneten Necmettin Erbakan (24 Abgeordnete) und die rechtsradikale Aktionspartei des Oberst Türkesch (16 Abgeordnete), beide Koalitionspartner Demireis in der letzten Regierung, auf diesem Weg von der Macht auszuschalten.

Nun ist die Türkei wieder in derselben Sackgasse angelangt, aus der die vorgezogenen Wahlen sie hatten herausführen sollen. Die Neuauflage des alten brüchigen Rechtskartells, das sich bislang unfähig zeigte, ein stabiles politisches Klima in der Türkei zu schaffen, scheint unausweichlich. Die Lösung der beiden brennendsten türkischen Probleme rückt damit erneut in weite Ferne:

erstens die Beilegung des Zypernkonflikts, die vor allem auch von der türkischen Geschäftswelt gewünscht wird, aber nur gegen Erbakans in der Zypernfrage kompromißlose Partei erreicht werden kann;

zweitens die schwere wirtschaftliche Krise, die zur partiellen Zahlungsunfähigkeit der Türkei gefühlt hat.

Innenpolitische Unruhen wären Wasser auf die Mühlen des Oberst Türkesch, dessen Partei für die blutigen Gewalttaten während des Wahlkampfs verantwortlich gemacht und selbst von der zurückhaltenden Londoner Times als faschistisch bezeichnet wird. As Preis für seinen Eintritt in Demirels Koalition hat er neben dem Kultusministerium auch das Innenministerium gefordert.

Nach einem in Ankara vielzitierten Wort ist der ehrliche Verlierer Bülent Eçevit als psychologischer Sieger aus dem Ringen um die neue Regierung hervorgegangen, Demirel gut seinem Gespür für die Macht als taktischer Sieger und Erbakan mit seiner Wohlfahrtspartei als faktischer Sieger. Obwohl die Zahl seiner Abgeordneten in den Wahlen von 48 auf 24 reduziert wurde, fordert er mehr Ministerien als zuvor, darunter das Finanzministerium. Die Chance, daß es in der alten-neuen Demirel-Koalition unter diesen Vorzeichen schon bald zum Streit kommt, ist derzeit die einzige reelle Hoffnung der Türken auf bessere Zeiten.

N. G.