Der Plenarsaal des Bundeshauses, sonst in den parlamentsfreien Wochen Wallfahrtsort mehr oder weniger ehrfürchtiger Besuchergruppen, ist bis zum 28. August gesperrt – wegen Bau- und Renovierungsarbeiten. Unter diesen Begriff fällt auch die stille Entfernung des letzten Rests der Computeranlage.

Das Gerät war im Jahr 1970 gekauft worden und sollte den Parlamentarismus auf den letzten Stand der Knopfdrucktechnik bringen: Der „Hammelsprung im Sitzen“ sollte möglich werden. Bewirkt hat der Computer freilich – neben nicht unbeträchtlichen Ausgaben – vor allem eins: Die Zahl der Schmunzelgeschichten über den Bundestag wuchs zusehends.

So verzeichnet zum Beispiel das Bundestagsprotokoll vom 16. Juni 1971 den Zornausbruch; des damaligen Vizepräsidenten Richard Jaeger: „Meine Damen und Herren, das ist jetzt das fünfte Mal in den drei Stunden, die ich hier präsidiere, daß der Name eines Abgeordneten hier auf dem Bildschirm erscheint, der sich gar nicht zu Wort gemeldet hat. Ich habe nicht die Absicht, mich von Spaßvögeln zum Narren halten zu lassen, schalte den Apparat hiermit aus und werde wie in den vergangenen, 16 Jahren auch ohne Apparat mit Wortmeldungen fertig werden.“

Die Bundeshausverwaltung bemüht sich eifrig, den Eindruck zu erwecken, Teile der Anlage könnten von anderen Bundesbehörden genutzt werden. Wieviel von den rund 900 000 Mark Anschaffungskosten dabei wieder hereingeholt werden können, ist ziemlich unsicher. Die Abgeordneten jedenfalls weinen dem Apparat keine Träne nach, der Widerwille war einmütig; er reichte von Jaeger bis Wehner.

Eine ganz ungewöhnliche sprachliche Leistung vollbrachte Bundeskanzler Schmidt letzte Woche bei seinem Glückwunschtelegramm an Marc Chagall: „Mit Ihrer unirdisch schwerelosen Kunst“, so begann der Glückwunsch, „haben Sie sich seit langem viele Menschen, überall auf der Welt, zu Freunden gemacht.“ Solch vollmundigen Ästhetizismus hat man vom Kanzler bisher nicht gehört.

Des Rätsels Lösung: Schmidt, der zu den Klassikern der modernen Kunst eine enge Beziehung hat – zwei Chagalls, die ihm gehören, hängen im Amt –, hat das von einem Referenten vorgefertigte Telegramm vermutlich ungelesen unterzeichnet. „Der Kanzler“, so lautet die Auskunft, „war eben schon in Ferienstimmung und dachte nur noch an seine Kanada-Reise.“