Von Ferdinand Ranft

Es erscheint fast hoffnungslos, gegen den einstimmigen Chor der Superlative und Rekordmeldungen anzukommen. Seit vier Jahren sind die Deutschen Reise-Weltmeister; sie geben für Auslandsreisen mehr Geld aus als die bis dahin führenden Amerikaner. An den Stränden Mallorcas und der Kanarischen Inseln mußten die Engländer Platz eins der Besucherrangliste ebenfalls den deutschen Touristen überlassen. Die Reiseveranstalter, Reisebüros, Hoteliers und Kurdirektoren singen alle das gleiche Lied: Immer mehr Bundesbürger verreisen, ihre Ausgaben für den Urlaub klettern unaufhaltsam in die Höhe. Der Blick auf unsere hochsommerlich verstopften Autobahnen scheint den letzten Zweifel zu beseitigen: Wir sind ein Volk von Urlaubern geworden, die Nation ist auf Reisen. Ist sie das wirklich?

Sie ist es nicht. Rund die Hälfte der 61 Millionen Bundesbürger wird auch in diesem Jahr wieder keine Urlaubsreise machen. Die meisten der Daheimbleibenden haben kein Geld; besonders in den Einkommensgruppen unter 1500 Mark und in Familien mit mehreren Kindern. Andere müssen wegen Krankheit zu Hause bleiben, wegen kleiner Kinder, wegen zu hohen Alters, aus beruflichen Gründen – oder weil sie arbeitslos sind. Manche haben ihr Geld anders angelegt, einen Wagen oder einen Fernseher gekauft und verschieben den Urlaub deshalb um ein Jahr.

Etwas anderes kommt hinzu: Nur knapp die Hälfte der rund 40 Millionen erwachsenen, arbeitenden Bürger unseres Landes hat Anspruch auf bezahlten Urlaub und Urlaubsgeld. Für rund 20,5 Millionen Geschäftsinhaber, Freiberufler, Landwirte, Studenten und Hausfrauen gibt, es beides nicht. Acht Millionen von ihnen – vor allem Hausfrauen – konnten sich 1976 keine Urlaubspause leisten, von einer Reise ganz zu schweigen. Aber selbst bei den Lohn- und Gehaltsempfängern ignorierten Arbeitnehmer wie Arbeitgeber die Bestimmungen des Bundesurlaubsgesetzes. Die Folge: Zwei Millionen verzichteten auf Urlaub, arbeiteten durch, oft mit der Angst um den Arbeitsplatz im Nacken. Über acht Millionen Bundesbürger sind in ihrem Leben überhaupt noch nie verreist – wollen entweder nicht verreisen, wie beispielsweise viele Landwirte, oder können nicht aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen.

Und die Urlauber? Es hat den Anschein, daß eine der großartigen Möglichkeiten zur Emanzipation der Menschen, das Reisen nämlich, sich in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Reisen bildet, hieß es früher einmal. Heute könnte man in vielen Fällen überspitzt formulieren: Reisen verdummt. Die wirtschaftlichen und technischen Errungenschaften unseres Jahrhunderts, die es dem Menschen so leicht wie noch nie machen, die Welt zu entdecken, haben nur den oberflächlichen Massentourismus hervorgebracht. Es ist schon fast so weit, daß das Wort Tourist nicht nur hierzulande ein Schimpfwort geworden ist.

War dieser Prozeß der Vermassung, der Vermarktung, der Oberflächlichkeit, der mehr Vorurteile als Urteile schafft, naturnotwendig oder vermeidbar? War es zwangsläufig, daß die meisten Touristen in Fremdengettos landen, in einer Welt des schönen Scheins, getrennt von Land und Leuten, abgespeist nur von Kellnern, Reiseleitern, Fremdenführern, Pseudo-Folkloretänzern, Zimmermädchen, Barkeepern, Massagegirls und Souvenirverkäufern?

Gewiß hat der Fremdenverkehr moderner Prägung auch seine Meriten. Die Charterflugreise, der von Kulturkritikern immer wieder verdammte Massentourismus haben vielen Menschen überhaupt erst die Welt erschlossen, ihnen zum erstenmal die Chance gegeben, andere, Länder kennenzulernen. Reisen ist nicht länger ein Privileg weniger, die Tourismus-Industrie hat es demokratisiert.