ARD, Sonntag, 17. Juli, 21.45 Uhr: „Magische Namen: Rudolf Steiner. Recherchen auf dem Anthroposophenhügel“ von Roman Brodmann

Geheimnisvolle Häuser, ein mächtiger Tempel von seltsamer Architektur, Menschen, junge und alte, mit Baskenmütze und weitem Umhang bekleidet – behutsam nähert sich die Kamera einer Welt des Schweigens, einer Welt, die – man ahnt es durch die Musik von Richard Strauss „Tod und Verklärung“ – voller Mystik ist, die, wie dem Autor gelegentlich scheint, am 30. März 1925, dem Todestag von Rudolf Steiner, stehengeblieben ist. „Das Bonmot drängt sich auf: eine versteinerte Welt.“

Schon früh hatte Roman Brodmann von Steiner und seinen Jüngern gehört. Er ist im schweizerischen Arlesheim aufgewachsen, in dessen Nachbardorf Dornach die Anthroposophen einen ganzen Hügel bebauten, im Mittelpunkt das wunderliche Goetheanum, das die Bürger einen Götzentempel schimpften, in dem Spinner und unschweizerische Heiden ihr Unwesen trieben.

Was ist dran an diesen Vorurteilen? Wer war Rudolf Steiner, und was sind das für Menschen, die noch heute, über 50 Jahre nach seinem Tode, nur eine Antwort auf alle Fragen haben: „Der Doktor hat gesagt...“ Mit Neugier und Skepsis, mit Behutsamkeit und Respekt, unterstützt durch einen hervorragenden Kameramann, Dietrich Lehmstedt, erschließt sich Roman Brodmann die merkwürdige Welt der Anthroposophen, die ihn schon als Kind beunruhigt hat.

Menschen, die Rudolf Steiner noch erlebt haben, beschreiben ihn: „Er war überwältigend, von vollendeter Ruhe, sachlich, humorvoll, warm, menschlich. Ich liebte Rudolf Steiner von ganzem Herzen“, sagt eine Frau, „ich wollte etwas werden, was ihm gefällt!“ Doch alle, so scheint es, empfinden sich selber, gemessen an ihrem großen geistigen Vater, als zu klein und unvollkommen. Ein Mann, der seit Jahren Pflanzenfarben nach Steiners Rezepten aus Rosenblättern und Spinat herstellt, meint: „Es erfordert große Phantasie; seine Rezepte auszuführen. In 50 bis 60 Jahren bin ich soweit.“ Eine alte Frau sagt: „Man hätte noch viel mehr arbeiten müssen.“ Und mit der Frage: Er habe also ein Maximum verlangt, sei das nicht unmenschlich? entlockt Brodmann der Frau ein zögerndes „Ja“.

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, deren Sinn im Film hinter Formeln wie: eine Mischung aus Karma und Golgatha, aus allen möglichen Mythologien und Christentum im dunkeln bleibt, hatte viele Begabungen. Er war Heilpädagoge und erfand die Eurythmie, eine Art Körpersprache; er praktizierte-die biologisch-dynamische Landwirtschaft, war Architekt, der alle starren Formen verachtete, Maler, Chemiker, Mathematiker, Biologe, Mediziner und Pädagoge, Begründer der Waldorf-Schulen, deren humanes Prinzip lautet: „Man kann ein ordentlicher Mensch auf viele Arten sein.“

Rudolf Steiner war auch ein Dichter und hat vier Mysterien-Dramen verfaßt, die noch heute nach seiner Inszenierung aufgeführt werden. Doch das Filmen hat der Meister streng verboten. Und so zeigen Autor und Kameramann nur symbolisch, wie mystisch und dramatisch es auf der Bühne wohl zugehen muß: Sie filmten den Hügel mit seinen bizarren architektonischen Konturen bei nächtlichem Blitz und Donner und Sturm.