Noch ist völlig offen, ob das europäische Parlament im Frühjahr 1978 von den Bürgern Europas in direkter Wahl gewählt werden kann. Erst sechs der neun Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft (EG) haben das Ratifizierungsverfahren des Direktwahlbeschlusses der EG-Regierungschefs vom vergangenen Jahr abgeschlossen. Erst in einem Mitgliedsland sind die gesetzlichen Grundlagen des Wahlverfahrens festgelegt worden.

Doch schon jetzt scheint der Gedanke an ein in eigener Autorität handelndes Europaparlament in den Hauptstädten der Gemeinschaft Kopfzerbrechen zu bereiten. Auf der Londoner Gipfelkonferenz der Gemeinschaft zeigte der französische Präsident Giscard d’Estaing Unmut über die Absicht des Parlaments, für die 410 zu wählenden Abgeordneten ein Bürogebäude in Brüssel zu mieten. Auch der luxemburgische Regierungschef Thorn, in Sachen. Europaparlament sonst keineswegs auf französischer Linie, war ungehalten.

Grund dazu hatten beide. Denn sie müssen befürchten, daß mit den weitreichenden und kostspieligen Mietplänen die Präsenz des Europaparlaments in Straßburg und Luxemburg allmählich abgebaut wird, bis eines Tages Brüssel neben der EG-Kommission und dem Ministerrat auch das Parlament beherbergen wird.

Nach einem Regierungsabkommen über den provisorischen Sitz der EG-Organe erhielt Luxemburg das Sekretariat des Parlaments, dessen Mitarbeiterstab inzwischen auf 1500 angewachsen ist. Plenartagungen werden bis auf drei pro Jahr in Straßburg abgehalten, die Sitzungen der Ausschüsse werden nach Brüssel einberufen. Ein wahrer Wanderzirkus, für den in Straßburg in Gebäude investiert wurden, die für die Bedürfnisse des von 198 auf 410 Abgeordnete erweiterten Europaparlaments auf jeden Fall zu klein sind.

Das in Brüssel in Aussicht genommene Bürohaus der Banque Brüssel-Lambert im Stadtteil Etterbeek ist, wie bei der Parlamentsverwaltung versichert wird, nur für die Ausschußtagungen gedacht. Parlamentarier, die in Zukunft nicht mehr einem nationalen Parlament angehören, brauchen auch Büros. Augenzwinkernd wird aber zu verstehen gegeben, daß das Gebäude über alle Voraussetzungen für eine effiziente Arbeit der Parlamentarier verfügt. Im Klartext heißt das, daß eine spätere Verlegung der Plenartagungen nach Brüssel, in die unmittelbare Nachbarschaft der zu kontrollierenden EG-Kommission und des Ministerrats, nicht ausgeschlossen ist.

Sollte das Parlament – was jedoch im Augenblick noch wenig wahrscheinlich ist – einmal einen solchen Beschluß fassen, wäre der enorme Mietpreis von 325 Millionen belgische Franc (rund 21,6 Millionen Mark) jährlich für das 55 000 Quadratmeter Nutzfläche bietende Gebäude durchaus nicht zum Fenster hinausgeworfen. Auch wenn der Quadratmeterpreis, wie die Kritiker hervorheben, doppelt so hoch ist wie der, der auf dem Brüsseler Immobilienmarkt üblicherweise verlangt wird, ergäbe das umgerechnet auf die 180 Millionen Wähler in den EG-Ländern pro Kopf kaum mehr als einen Groschen. Und der wäre wahrscheinlich besser angelegt als die von Mal zu Mal anfallenden Kosten für die dauernde Rundreise zwischen Brüssel, Luxemburg und Straßburg.