Von Steven Muller

Es gibt heute mehr Universitäten in der Welt, und sie stehen einer größeren Zahl von Studenten offen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Doch sehen die Hochschulen einer weit ungewisseren Zukunft entgegen als in den letzten hundert Jahren.

Auf beiden Seiten des Atlantik, in Nordamerika und in Westeuropa, sind die Universitäten seit über einem Jahrhundert einem besonderen Ideal gefolgt: der Freiheit von Forschung und Lehre. Diesem Ideal verdanken sie ihren Aufstieg, auf ihm beruht die Größe der Universität westlicher Prägung. Ihre zunehmende Bedeutung hatte zur Folge, daß die Universität verschiedene Rollen zu spielen begann, Rollen, die nicht nur verschiedener Art sind, sondern die im Widerspruch zueinander stehen. Dieser offene und wachsende Konflikt bedingt zum Teil die gegenwärtig herrschende Unsicherheit.

Die moderne Universität des Westens hat vier Funktionen:

  • Sie ist Bildungszentrum,
  • sie ist ausführendes Organ staatlicher Wissenschaftspolitik,
  • sie dient der beruflichen Ausbildung, und sie ist eine soziale Einrichtung in sich selbst und im Rahmen der Gesellschaft.

Am ältesten und traditionsreichsten ist die Rolle, die unsere Universitäten als Forschungs- und Bildungszentren spielen. Da sind sie feine Gemeinschaft von Gelehrten, die selbst bestimmen, wer in ihren Kreis aufgenommen wird, und die das gesammelte Wissen ihrer Zeit mehren und weitergeben. Sie sind hierarchisch aufgebaut, von den jüngsten Studenten mit dem geringsten Wissen bis zur Spitze, an der die erfahrensten Gelehrten stehen, die der Institution am längsten angehören. Innerhalb dieser Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden genießt der Gelehrte dank seiner Tätigkeit als Forscher die größte Freiheit.

Als ausführendes Organ staatlicher Bildungs- und Wissenschaftspolitik werden die Universitäten des Westens – ob es sich um staatliche oder wie häufig in Amerika um private Hochschulen handelt – in der Erwartung, daß sie zum Nutzen, der Gesellschaft wirken, durch öffentliche Gelder unterstützt. Da sie als freie Forschungszentren die moderne Naturwissenschaft und die Technik, deren praktische Anwendung ihrerseits die moderne Gesellschaft prägte, zu immer höherer Leistung entwickelt haben, begann die Regierung, die Universitäten finanziell zu unterstützen wie nie zuvor.