Von Rolf Henkel

Augsburg

Die Tätigkeit war ungewohnt. Als am 7. 7. 77 der Morgen über Augsburg graute, gab’s für die örtliche Polizei eine neue Beschäftigung: reißen. Sorgsam und mit von frischer Druckerschwärze dunklen Händen rissen die Beamten von dem eben erst aus der Rotationsmaschine gelieferten Boulevardblatt Schwäbische Neue Presse die Titelseite ab. Ein Gerichtsbeschluß, um vier Uhr früh von einem Rechtsanwalt in eigener Sache erwirkt, bescherte der Polizei den neuen Zeitvertreib, der völlig unnütz war. Denn zehn Stunden später und nach einem zweiten Richterspruch hätten die Beamten die herausgerissenen Seiten eigentlich wieder einkleben müssen.

Was wie ein Schildbürgerstreich anmutet, ist im Grunde genommen ein handfester Zeitungsskandal, der offenbar nur deshalb so wenig beachtet wurde, weil die zweimal wöchentlich in 30 800 Exemplaren erscheinende Neue Presse außerhalb des Großraums Augsburg kaum bekannt ist. Am Ort freilich gilt das Boulevardblatt, das als Konkurrenz zur allmächtigen Augsburger Allgemeinen immerhin schon den 13. Jahrgang bei bester Gesundheit erlebt, als Hecht im Karpfenteich, als ein Blatt, das als Regulativ zur Monopol-Tageszeitung wenigstens zweimal in der Woche Themen aufgreift, die für die große Zeitung so gut wie tabu sind. Nur so ist auch zu erklären, was sich in der Nacht zum 7. 7. 77 abspielte.

Als frühmorgens der erste Lieferwagen mit den druckfeuchten Exemplaren der Neuen Presse die Druckerei im nahen Aichach verließ, stoppte ein bis jetzt trotz starken Verdachts nicht eindeutig identifizierter Mann das Auto an der Verlagsausfahrt und kaufte hastig das erste Exemplar der Zeitung. Darin las der vermeintlich Unbekannte auf der ersten Seite in fünf Zentimeter großen Buchstaben die Worte „Gebühren-Skandal“ und darunter: „Augsburger Anwalt fordert für Vertrag 49 000 Mark.“ Der frühe Zeitungskäufer fühlte sich betroffen und läutete flugs den überwiegend mit Verkehrsdelikten befaßten Amtsrichter Max Zittenzieher aus dem Bett, der die Neue Presse kurz nach vier Uhr beschlagnahmen ließ. Den einsamen Nachtbeschluß hatte Rechtsanwalt Konrad Hoffmann herbeigeführt – jener Anwalt, der in der Tat für den Abschluß eines Mietvertrags genau 49 183,26 Mark fordert.

Zahlen soll diese stolze Summe der Gastwirt Waldy Hartmann, der seit einem Jahr am Augsburger Königsplatz „Waldy’s Pub“ betreibt. Für die Kneipe, die Waldy auf eigene Kosten renovierte und einrichtete, zahlt der Gastronom monatlich 2400 Mark Miete, eine Summe, nach der sich normalerweise auch die Gebühr des Vermittlers errechnet. Doch Anwalt Hoffmann, der laut Neue Presse in Juristenkreisen „Gebühren-Hoffmann“ genannt wird, schloß mit der Vermieterin eine Honorar-Vereinbarung, die ihm bei seiner Forderung weithin freie Hand läßt.

Gastwirt Hartmann, der sich erinnert, daß der Anwalt vor Jahresfrist nicht länger als ein paar Stunden für ihn tätig war, hält knapp 50 000 Mark Honorar dennoch für zu hoch. „Wir glaubten zuerst an einen Schreibfehler oder daß das Komma verrutscht war“, sagt Neue Presse-Chefredakteur Walter Kurt Schilffarth, der schließlich Hoffmanns Honorar-Forderung samt dem Hinweis des Anwalts an den Wirt, das Geld auf ein „Anderkonto“ einzuzahlen, unter der Schlagzeile „Gebühren-Skandal“ abdruckte.