Ida werde die Szene nicht vergessen, obwohl es 65 Jahre her ist. Auf dem Eßtisch der elterlichen Wohnung wurde die Schüssel mit Milchreis aufgetragen, mit Zucker und Zimt wie jeden Mittwoch. Dann habe ich gewiß die Augen aufgerissen; denn die Mutter brachte „den Schinken“. Der Vater schnitt eine Scheibe ab – und packte den Schinken wieder in die Leinenhülle. „Für Maria“, sagte meine Mutter, die meine Enttäuschung sah.

Maria, etwa 25 Jahre, war „das Dienstmädchen“. Weil sie Influenza hatte (so hieß früher die Grippe), bekam sie eine Extra-Ration; die Fürsorge war perfekt. Als Dienstmädchen gehörte sie zum Gesinde – aber eben darum zur Familie. Wenn die Eltern nicht da waren, durfte sie den Jungen verprügeln; der hatte ihr zu gehorchen. Sie stand vor uns auf und ging nach der Familie zu Bett.

Sonntagnachmittags hatte sie frei. Ich habe nie gesehen, wie sie sich ausgeruht hätte. – Die Mädchen blieben, bis sie heirateten. Dann kriegten sie eine Aussteuer, nahmen eine gute Ausbildung mit; denn die Mutter gab sich Mühe, sie in allem zu unterrichten, was sie selbst vom Haushalten, Einkaufen und Kindergroßziehen verstand. Sie wurden sicher gute Hausfrauen und – darf man das noch sagen? – gute Mütter.

Nichts von alledem lohnt sich wiederherzustellen – außer der Ausbildung. Wir sollten uns der „Ausbildungsstelle Haushalt wieder erinnern. Haushalt heißt ja heute nicht mehr Fußböden wischen und Wäsche am Ruffelbrett mit der Hand waschen, wie es meine Frau noch 1932 gemacht hat. Sondern heißt: Umgang mit vielen komplizierten Maschinen; heißt Presse und Funk verfolgen, um zu wissen, wo man einkaufen kann; heißt Buchführen, Geld einteilen. Heißt Kinder nach wissenschaftlichen Vorschriften, etwa an Hand der Zeitschrift Eltern, aufziehen und führen lernen.

Was ist schwerer: ein Auto zu reparieren oder einen Haushalt mit zwei Kindern zu betreuen? Was ist menschlich lohnender: das reparierte Auto zur Probe über die Autobahn zu fahren; oder mit der Familie den Ausflug am Wochenende zu organisieren? Beides will hart gelernt sein. Wir stellen unseren Kindern Ausbildungsstellen für alles mögliche zur Verfügung. Nur für den Haushalt, den sie ein ganzes Leben lang führen müssen, werden sie nicht vorbereitet.

Sollten wir also unseren „Auszubildenden“, nach dem Hauptschulabschluß, nicht eine Haushaltslehre öffnen? Lehrlinge ausbilden darf nur ein Meister, nach entsprechender Prüfung. Wer Lehrlinge im Haushalt ausbilden will, müßte seine Befähigung durch eine – strenge – Prüfung nachgewiesen haben. Ich bin sicher, daß manche ehrgeizige Frau, auch wenn sie gar nicht ausbilden will, diese Prüfung machen würde. Und warum eigentlich nicht auch der Mann? Die Gewerbeschule müßte ergänzende Lehrgänge einrichten, um die praktische Arbeit zu unterstützen und die „Lehrlinge“ zu bilden. Nach der Lehrzeit eine Prüfung mit Bußen für den Lehrherrn – Verlust der Lehrfähigkeit, wenn der Lehrling versagt

Haupthindernis aber sind die Steuergesetze: Gehalt und Unterhaltskosten des „Haushaltslehrlings“ müssen aus dem versteuerten Einkommen bezahlt werden; die wenigsten können das. Heute können Steuerpflichtige über 60 Jahre und Schwerbeschädigte Aufwendungen für Hilfen im Haushalt bis zu 300 Mark als Betriebsausgaben absetzen. 800 Mark wären richtiger. Auch bei drei und mehr Kindern kann eine Haushaltshilfe steuerlich abgesetzt werden, doch jährlich nicht mehr als ein Betrag von 1200 Mark.