Von Klaus-Peter Schmid

In linken Köpfen spuken bereits Siegesvisionen. Wenn im März 1978 die Regierung geschlagen die Stätte des Wahlkampfes räumt, dann werden sich auf den Straßen und Plätzen des Landes wahre Volksfeste abspielen. Frankreichs Sozialisten und Kommunisten rechnen mit einer regelrechten "Explosion der Freude" – genau wie 1936, als die Volksfront zum erstenmal ans Ruder kam und die Arbeiter ihrer Begeisterung freien Lauf ließen.

Doch insgeheim zerbrechen sich die Strategen der Linken auch den Kopf darüber, ob ihnen die Gewerkschaften im Falle eines Wahlerfolges nicht gehörig das Konzept verderben werden – genau wie 1936, als die Gewerkschaften und ihre Anhänger nicht zu bremsen waren. Damals nahmen trotz revolutionärer Sozialreformen Streiks und Fabrikbesetzungen überhand; Nach einem Jahr hatte die Volksfront abgewirtschaftet und mußte sich zurückziehen.

Die Franzosen sagen zwar: Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie stottert nur. Doch ein gründliches Stottern würde ausreichen, um eine linke Regierung an der Seine in erhebliche Schwierigkeiten zu bringen. Kommunisten und Sozialisten sind sich darin einig, daß sie nur dann mit Anstand über die ersten Runden kommen werden, wenn die Gewerkschaften Solidarität beweisen.

Nach außen geben sich die Politiker sicher. Ein Berater des Sozialistenführers François Mitterrand: "Ja, wir befinden uns heute im Jahre 1935. Aber die Entwicklung verläuft sehr ruhig, weil heute die Bedrohung durch den Faschismus fehlt." In den Parteizentralen hört man zudem das Argument, die beiden großen Gewerkschaften des Lahdes, CGT und CFDT, seien heute so eng mit den linken Parteien verbunden, daß ein Debakel wie 1936 ausgeschlossen sei.

Frommer Wunsch oder realistische Einschätzung? Ende Juni verkündete Henri Krasucki, Nummer zwei der kommunistisch orientierten CGT: "Natürlich findet die CGT im gemeinsamen Programm eine ernsthafte Antwort auf ihre eigenen Überlegungen. Doch unsere Unabhängigkeit hat eine beachtliche Bedeutung, heute wie morgen." Auch die eher sozialistische CFDT legt größten Wert auf ihre Bewegungsfreiheit. Generalsekretär Edmond Maire: "Die Unabhängigkeit der Arbeiterbewegung verbietet es uns, unsere Zukunft an andere zu delegieren, auch nicht an die politischen Kräfte der Linken."

Bei strammen Worten blieben die beiden großen Arbeiterzentralen keineswegs stehen. Sie verkündeten kurz nacheinander Aktionsprogramme, die in wichtigen Punkten weiter gehen als das gemeinsame Regierungsprogramm der linken Parteien. In ihrem 72-Seiten-Dokument verlangte die CGT zum Beispiel die globale Verstaatlichung ganzer Branchen wie Chemie, Flugzeugbau, Auto-Industrie, Schiffswerften, Stahl oder Handelsschiffahrt. Die Philosophie hinter diesen Forderungen: Der Staat soll die "Aufgabe, Liquidierung und Unterordnung unter ausländisches Kapital ganzer Sektoren und unzähliger Unternehmen" stoppen.