Marx hat auf die entsprechende Frage geantwortet, daß er nicht daran denke, Marxist zu sein. Und Kolakowski hat gesagt, wenn die Lehren von Karl Marx dereinst wissenschaftliches Allgemeingut geworden sind, wird es den Begriff Marxismus nicht mehr geben, so wenig wie man etwa in der modernen Physik von Newtonismus redet, wenn man die von Newton begründete klassische Physik meint. Kolakowski hat sicher recht, aber die von ihm genannte Voraussetzung ist noch nicht erfüllt, so daß der Begriff – oder nur das Wort? – Marxismus noch gebraucht wird.

Bevor ich mir darüber klar werden kann, ob ich ein Marxist bin, muß ich versuchen, die schwierige Frage zu beantworten: Was ist überhaupt ein Marxist? Welchen Aussagewert haben Sätze wie: Er ist. ein Marxist, oder: Ich bin Marxist. Es liegt nahe, solchen Sätzen nur einen weitgehend subjektiven Charakter zuzubilligen. Man sagt zum Beispiel: Herr M. bekennt sich zum Marxismus. In dieser Formulierung kommt zum Ausdruck, daß unter Marxismus nicht eine wissenschaftliche Theorie^sondern eine politische Richtung, eine Art Heilslehre, verstanden wird, als deren Anhänger Herr M. sich bezeichnet. Parallel zu diesem Buch erscheint eine Sammlung mit dem Thema: Warum ich Christ bin. Hier liegen die Verhältnisse selbstredend viel einfacher. Zum Christentum muß man sich bekennen, es ist eine, religiöse Lehre. Andererseits ist auch hier die Frage, ob jemand ein Christ sei, durch dessen verbales Bekenntnis noch nicht entschieden. Das Bekenntnis muß erst durch die Praxis bewiesen werden. Was die Menschen, die sich für Christen erklären, dabei denken oder glauben. mag sein was will. Ob sie wirklich Christen sind, wird nur durch ihr Tun und Lassen entschieden. Beim Marxismus ist es offensichtlich anders. Er ist keine Religion und auch keine Morallehre. Er ist Wissenschaft. Ein Marxist kann man ebenso sein wie ein Physiker. Ob man ein guter oder ein schlechter Mensch ist, ist dabei vollkommen unerheblich.

Ideologie ist falsches Bewußtsein

Wenn aber der Marxismus eine Wissenschaft ist, was für einen Sinn kann es dann überhaupt haben, sich zu ihm zu bekennen Offensichtlich hängt dies damit zusammen, daß der Marxismus noch nicht wissenschaftliches Allgemeingut geworden ist. Auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaften gab es diese Situation des öfteren, daß eine bedeutende neue Theorie lange Zeit von der Mehrheit der Fachwelt abgelehnt wurde. So war es bei der Relativitätstheorie Einsteins und in gewissem Maße auch bei der Quantenmechanik. Es ist ganz natürlich, daß sich neue, umwälzende Theorien, deren Denkweise oft allem Gewohnten zuwiderläuft, erst nach längerer Zeit gründlicher Bewährung allgemein durchsetzen. So gibt es bis in unsere Tage immer wieder Leute, die die von der Relativitätstheorie konstatierte Relativität der Gleichzeitigkeit einfach nicht begreifen wollen und deshalb für logisch falsch halten.

Trotzdem liegt der Fall beim Marxismus noch etwas anders. Zwar gilt auch für ihn, daß seine Denkweise dem bis dahin Gewohnten zuwiderläuft und deshalb von manchen seiner Opponenten sogar für logisch falsch gehalten wird. Auch wird immer wieder behauptet, er sei inzwischen durch die Erfahrung widerlegt, weil einige der Marx’schen Behauptungen über die Entwicklung des Kapitalismus nicht eingetroffen seien. Entscheidend ist aber bei dem ganzen Streit um den Marxismus, daß es sich bei ihm eben nicht um eine Naturwissenschaft, sondern um die Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft handelt. Jede Theorie aber, die sich auf die menschliche Gesellschaft bezieht, ist unvermeidlicherweise politisch, schon deshalb, weil sie zu gesellschaftlichen Vorgängen und Erscheinungen kritisch Stellung nimmt. Aus ihren Ergebnissen leiten sich stets bestimmte politische Forderungen ab.

Es hat zu allen Zeiten Lehren gegeben, deren Aussagen sich hauptsächlich auf das Leben der menschlichen Gesellschaft bezogen. Man kann sogar sagen, daß jede gesellschaftliche Ordnung ganz bestimmte Sozial- und Morallehren hervorbringt, die zu ihr gehören, wie die Gedanken der Menschen zu ihren Handlungen. Teils dienen sie der Rechtfertigung, teils der Selbsttäuschung über die wahren Motive, teils aber enthalten sie auch den Zweifel an allem, ohne den die menschliche Gesellschaft nicht leben kann. So entstehen im Lauf der historischen Entwicklung immer neue Denkweisen und Bilder, in denen die Menschen sich ihres gesellschaftlichen Lebens bewußt zu werden versuchen, Bilder, in denen Wahrheit und Irrtum, Erkenntnis und Selbsttäuschung in oft phantastischer Weise ineinander geschlungen sind. Es ist das, was Marx die „Ideologie“ der Gesellschaft nannte, das „falsche Bewußtsein“, die Täuschung über sich selbst, die eine Gesellschaft braucht, wenn sie ihren Kritikern widerstehen will.

Auch die äußere Form, in welcher die Ideologie in Erscheinung tritt, wandelt sich. Waren es früher mystische, phantastische, religiöse und philosophische Formen, so finden wir heute die Ideologien in das Gewand der Wissenschaft gekleidet.