Viele Menschen in der ganzen Welt haben in diesen Tagen Ähnliches empfunden wie Egon Bahr, dessen „Gefühl und Gewissen“ gegen die Neutronenbombe rebellierten, so sehr, daß er noch aus dem Urlaub seinen Fluch gegen die Todesstrahlen schleuderte, die uns womöglich ins Haus stehen. Doch was der Geschäftsführer der Sozialdemokraten für „ein Symbol der Perversion menschlichen Denkens“ hält, gilt dem Oberbefehlshaber der Bundeswehr, Georg Leber, als Zeichen von „Präzision und Qualität“ der Abschreckung, ist für Regierungschef Helmut Schmidt nur noch „eine neue Art taktischer Nuklearwaffen mit verminderter Druck- und Hitzewirkung“. Ist es wirklich schon zwanzig Jahre her, daß ein anderer Bundeskanzler die Atomwaffen als Weiterentwicklung der Artillerie verniedlichte?

Heute werden so wenig wie damals beschwichtigende Vokabeln die leidenschaftliche Diskussion über das Für und Wider von Schreckenswaffen verhindern können. Dräuende Wolken ziehen am Horizont herauf. Egon Bahr hat das Sturmsignal gesetzt, damit nicht der Tornado moralischer Entrüstung über seiner unvorbereiteten Partei zusammenschlägt und bevor sich die Menschen auf der Straße des brisanten Themas annehmen. Wo und wie auch immer der Meinungskampf ausgetragen wird: Unser Volk muß sich vielleicht bald entscheiden, ob es auch mit dieser Bombe im eigenen Lande leben will. kj.