Von Dieter Buhl

Hamburg

Die Drohung aus Kiel beginnt erst langsam ihre Schrecken zu verbreiten. Vielleicht liegt es an der Unfaßbarkeit des Geschehenen, vielleicht auch an der sommerlichen Lässigkeit der Betroffenen: Die Absichtserklärung von Ministerpräsident Stoltenberg, den Staatsvertrag über den Norddeutschen Rundfunk zu kündigen, bringt im Sender noch niemanden um seinen Schlaf. Zwar schlug Intendant Martin Neuffer ein paarmal hart zurück, und der NDR-Gesamtbetriebsrat hat sich bereits mit dem Nächstliegenden, der Sicherung von Arbeitsplätzen und Altersversorgung beschäftigt. Doch sonst gilt an der Hamburger Rothenbaumchaussee und in den Senderdependancen offenbar die Devise: Ruhe ist die erste Rundfunkpflicht.

Die geballte Ladung aus dem hohen Norden trifft einen Sender, der im Selbstverständnis der meisten seiner Mitarbeiter noch immer vom liberalen Geist der Hansestadt beflügelt wird und der sich, wie Neuffer behauptet, in seinen Qualitätsansprüchen an der BBC-Tradition der britischen Geburtshelfer orientiert. "Rotfunk", das publikumswirksame Etikett seiner Kritiker, will sich der NDR denn auch nicht aufkleben lassen. Die meisten seiner Hörer und Fernsehzuschauer werden für die Rotmalerei der CDU ebenfalls kein Verständnis haben. Mögen sie~sich auch zuweilen über den Sender ärgern, "monotoner Marxismus" (Stoltenberg) füllt gewiß nicht sein Programm.

Der Vorwurf der Linkslastigkeit wird ja auch eher pars pro toto erhoben. Mit den hervorragenden Fernsehspielen des NDR, mit den konservativ eingefärbten Beiträgen zur ARD-Sendereihe "Plusminus" oder den meist lammfrommen Sendungen im Regionalprogramm läßt er sich gewiß nicht belegen. Das rote Tuch heißt "Panorama". Wie die schönen Ansagerinnen zum Markenzeichen des Bayerischen Fernsehens geworden sind, wie die Sportschau am Samstagabend als Aushängeschild des Westdeutschen Rundfunks gilt, steht das Magazin der linken Monomanen mit seinem größeren Erregungswert seit langem stellvertretend für das Fernsehen des NDR schlechthin, das immerhin 20 Prozent der Sendungen im ersten Kanal bestreitet.

Das gerechte Urteil bleibt dabei auf der Strecke. Ebenso wird der Hörfunk aus verengtem Blickwinkel kritisiert. Es ist einfach nicht zu bestreiten, daß – der NDR eines der besten und meistgehörten Radioprogramme sendet. Seine Korrespondenten im In- und Ausland gehören zu den qualifiziertesten der Branche. Aber die christdemokratischen Tugendwächter nehmen die paar Dilettanten zum Vorwand ihrer Kritik, denen selbst im eigenen Hause "mangelndes Stilgefühl" attestiert wird. Anlaß zum Unmut bieten jene Unterhaltungskünstler in einigen Rundfunkmagazinen, die viel Gesinnung, aber wenig Kenntnis und noch weniger politisches Verstandnis besitzen. Jugendlicher Enthusiasmus und Flapsigkeit ersetzen bei ihnen den Sachverstand.

Das Weltkind Neuffer