Nicht die Gauner, sondern die Polizei, nicht -wirtschaftliche Fehler, sondern die Marktwirtschaft ist schuld! Oder?

Der Streit innerhalb der FDP um die Energie- und Wirtschaftspolitik, die Auseinandersetzungen innerhalb der Union über die notwendigen Maßnahmen zum Abbau der Arbeitslosigkeit, der permanente gesellschaftspolitische Konflikt innerhalb der SPD nehmen mit jeder neuen Hiobsbotschaft vom Arbeitsmarkt an Schärfe zu. Die Nervosität in den Parteien und in der Öffentlichkeit wächst; die Zahl der Patentrezepte zur Beseitigung der Misere ebenfalls. Man will endlich Taten und Erfolge sehen.

Geduld gehört ohnehin nicht zu den hervorstechenden Charakteristika unserer Zeit. Eine Politik, die sich nicht innerhalb kürzester Zeit in positiven statistischen Zahlen niederschlägt – auch wenn sich dies vernünftigerweise gar nicht erwarten läßt –, ist kaum noch über einen längeren Zeitraum hinweg durchzuhalten. Das Schicksal des „Sozialvertrages“ in Großbritannien (siehe Seite 16) zeigt dies allzu deutlich.

Zu dieser Ungeduld paßt es auch, daß nach vielen Jahren der Voll- und Überbeschäftigung eine – im Verhältnis dazu – relativ kurze Zeitspanne hoher Arbeitslosigkeit bereits als typische Erscheinung unserer Wirtschaftsordnung bezeichnet wird. Von dort ist es dann nur noch ein kurzer Schritt bis zu der Erkenntnis, daß die Marktwirtschaft an allem schuld und nicht fähig sei, die Probleme zu lösen – also abgeschafft gehört.

Vertreter der These, daß der Kapitalismus und die Marktwirtschaft überwunden oder doch zumindest stark umgeformt werden müssen, sitzen heute in allen Parteien, den Gewerkschaften und den.meisten Massenmedien; Die Angriffe, denen Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs innerhalb seiner eigenen Partei ausgesetzt ist (siehe Seite 19), richten sich vor allem gegen seine konsequente marktwirschaftliche Haltung – auch wenn ihnen oft ein anderes Mäntelchen umgehängt wird.

Diejenigen, die auf der Jagd nach dem Sündenbock die Marktwirtschaft ins Visier nehmen und sie bekämpfen und beschuldigen, als handele es sich dabei um ein lebendiges Wesen, haben nach mehr als einem Vierteljahrhundert praktizierter Marktwirtschaft dieses System offenbar immer noch nicht begriffen. Sie sehen nicht, daß es – ähnlich wie die englische Königin – gar keine Fehler begehen, nur reagieren, nicht regieren kann.

In der Marktwirtschaft werden besser als in jeder anderen bekannten Ordnung die wirtschaftlich handelnden Individuen miteinander koordiniert, Angebot und Bedarf in Einklang gebracht und eine Minimierung der Kosten erreicht. Darüber hinaus sorgt der marktwirtschaftliche Mechanismus aber auch dafür, daß wirtschaftspolitische Fehlsteuerungen sehr rasch erkennbar werden: Falsche Wechselkurse führen zu Unruhe an den Devisenmärkten, zu hohe Löhne zu Arbeitslosigkeit, zu hohe Agrarpreise zu Butterbergen oder Weinseen, Übernachfrage zu Inflation, schlechte Produkte zur Pleite. Doch genau dies, die unbarmherzige Aufdeckung von Fehlern der Politiker, Unternehmer oder Gewerkschafter, macht die Marktwirtschaft so unbeliebt, läßt immer wieder den Ruf nach „Überwindung“ dieses unbequemen Systems erschallen, in dem es so viel schwerer ist als in anderen, Probleme zu verschleiern, Fehler zu verkleistern.