Die „einzige Bedrohung des Sozialismus ist die gegenwärtige staatliche Form, die in der DDR herrscht“; „Die Privilegierten in der DDR leben besser als die Reichen im Westen“; „Unfreiheit als Notwendigkeit – solche explosiven Sätzedurchziehen wie ein schwarzer Faden den Band von Robert Havemann: „Berliner Schriften“, herausgegeben von Andreas W. Mytze; Verlag europäische ideen, Berlin, 1977; 122 Seiten, 10,– Mark. Es ist eine Zusammenfassung seiner Aufsätze, Interviews und Artikel aus den letzten sieben: Jahren. Eine lohnende Lektüre. Das Buch spiegelt eine stringente Entwicklung des kritischen Denkers Robert Havemann wider: von Skepsis zur radikalen Verneinung. Havemann ist der einzige Eurokommunist des Ostblocks. Das Bemerkenswerte seiner Analysen ist, daß nicht nur Moralschelte betrieben wird. Da Havemann seinen Marx kennt, geht er den Ursachen der Entartung nach, das heißt, er betrachtet die ökonomische Struktur: „Der Staat verdient an jedem Produkt enorm, weil die Löhne niedrig sind. Dieses System betrachte ich als Grundlage der Ausbeutung. Es ist die ökonomische Struktur der Sklaverei.“

Das ist der Krebs. Das ist die Quelle für Mißtrauen, Gängelung und die „Unfreiheit als Notwendigkeit“, von der Havemann spricht. Dieses System beschreibt Havemann mit einer Trauer, die seinen Texten gelegentlich die Kraft der Literatur verleiht. Bitterkeit ist unüberhörbar: „Meine beiden Söhne wurden zu einer Zeit, als der eine noch minderjährig war, zu solchen Freiheitsstrafen verurteilt. Der eine, weil er am Tage nach der 68er Invasion in die ČSSR eine tschechoslowakische Fahne aus dem Fenster unserer Wohnung herausgehängt hatte; der andere, weil er, gemeinsam mit einem Freund, den Namen Dubček mit Ölfarbe an eine Hauswand gemalt hatte. Und weil er aus dem Buch Me-Ti von Bert Brecht einige Sätze über die Polizei abgeschrieben und sie dann auf große Plakate geklebt hatte, die am „Tag der Volkspolizei“ an den Litfaßsäulen angeschlagen waren, wurde ihm von Staats wegen seine Schreibmaschine (!) weggenommen.“

Hier denkt und spricht ein Mann in so mutiger Kompromißlosigkeit, daß er unverletzbar scheint. Havemanns Integrität läßt ihn nie in den Gestus der Feindseligkeit verfallen; vielmehr erinnert vieles von dem, was er schreibt, an die Brechtsche Gebärde des Bittens um Barmherzigkeit. Das muß man können, einen Kassiber wie diesen (des daraufhin entlassenen Schriftstellers Siegmar Faust) an den Staatsratsvorsitzenden zu schicken; denn er bezeichnet ja nicht nur die grauenhafte Situation eines einzelnen, sondern den Zustand des Staates, dem Erich Honecker vorsitzt: „Tina! Wenn mich nicht bald etwas rettet, kratze ich ab. Ich möchte mit jedem Polit-Häftling Chiles oder Spaniens tauschen. Terror, Folterungen, Repressalien, Schikanen werden immer schlimmer. Warum läßt sich hier keine Uno-Kommission sehen? Laßt alle Glocken läuten! Ich friere, muß hungern, habe Seh-, Herz-, Kreislauf- und Schlafstörungen und verblöde langsam aber sicher. Habe ja nun schon über 23 Monate Einzelhaft und 63 Tage Folterarrest kennengelernt. Was noch? Wofür? Entreißt mich diesen Menschenmördern. Euer Faustus“ Fritz J. Raddatz