Von Jakob Vollmar

Die Fähre legt an vor der Bilderbuchkulisse von Supetar, dem Hauptort der Insel Brač: Farbenfrohe Fassaden von Bürgerhäusern und Verwaltungsgebäuden, die lebhaft an ihre K. u. K. österreichische Vergangenheit erinnern. Das Hotel hat zum Abholen einen alten Mann mit Fahrrad und Gepäckanhänger geschickt, „Ich bin noch ein Untertan vom Kaiser Franz Joseph“, stellt er sich vor. „Mein Chef bedauert, Sie nicht am Hafen empfangen zu können. Aber er muß heute Schilder malen!“ Wie bitte, Schilder malen?

„Ja“, sagt der alte Mann, „die Armee des Genossen Tito hat uns auf der Insel eine Wasserleitung zum Geschenk gemacht. Die Soldaten haben einen 8600 Meter langen Tunnel in unsere steinige Erde gesprengt. Quer durch die Insel. Jetzt haben wir keine Wassersorgen mehr. Morgen ist die Einweihung. Da kommen viele Funktionäre zum großen Fest auf unsere Insel.“ Und dann fragt er vorsichtig, als hätte er jetzt versehentlich ein Staatsgeheimnis ausgeplaudert: „Sie kommen doch auch wegen unserer Wasserleitung?“

Insel „ohne Brot, ohne Wasser, ohne Wege, ohne Rebe und Ölbaum“, hat der kroatische. Dichter Vladimir Nazor (1876–1949) die mit knapp 400 Quadratkilometern größte Insel Dalmatiens genannt. „Insel der Grillen, ewig, ununterbrochen immer gleich widerhallt auf Dir die Stimme der mediterranen Zikade. Ihr lauschten die griechischen Ansiedler, die alteingesessenen Illyrer, die römischen Eroberer, die kroatischen Tagelöhner in den Steinbrüchen und die venezianischen Kaufleute. Um sie wußten die sarazenischen Seeräuber...“ Womit die Geschichte der Insel, die zwischen Split und Brela in zehn bis zwanzig Kilometer Entfernung dem Festland vorgelagert ist und die auf der anderen Seite durch Hvar zum offenen Meer abgeschirmt wird, in Kürze skizziert wäre.

Um es vorwegzunehmen: Für einen Urlaub nur zum Sonnengrillen am Strand allein ist diese Insel eigentlich zu schade. Man muß ihr Inneres kennenlernen. Ihren immergrünen Macchia-Mantel vor den karstigen Hochflächen. Ihre lichten Wälder, die tief, ins Land, eingeschnittenen Täler und Talkessel. Die wie Krater auf den Bergen liegenden Wassertümpel, um die sich die Schafherden scharen, die einsamen Dörfer, Tausende, nein Millionen von Steinbrocken haben die Bauern und Hirten auf den kargen Hügeln aufgehäuft, und in ihrem Windschutz sprießen grüne Kulturen. Urlaub auf Brač muß eigentlich dazu verlocken, eine vom Tourismus noch unverdorbene Landschaft zu erforschen. Wobei einen freilich auf Schritt und Tritt die Frage begleitet, wie lange noch die Unversehrtheit wahren mag.

Denn nicht nur die Wasserleitung signalisiert den greifbaren Fortschritt. 1977 haben Arbeiterkolonnen mit dem Asphaltieren einiger Straßen begonnen. Vor Jahren schön bescherte ein Zufalls-Zuschuß den Insulanern auf der Verbindung zwischen den Hauptorten Supetar und Bol ein fünf Kilometer langes Teerstück, als Ansichtsexemplar zukünftigen Fahrvergnügens sozusagen. Und auf der Küstenstraße wurden Ende 1976 die schlimmsten Schlaglöcher zugeschüttet. Der Entdecker freilich, der beispielsweise die Einsiedelei von Blaca mit den astronomischen Instrumenten der hier einst ansässigen Mönche oder das Mausoleum von Donji Humac (das schönste antike Denkmal der Insel) sehen möchte, vertraut sich auch heute noch streckenweise am besten dem Eselsrücken als dem bequemsten Verkehrsmittel an. Nützlicher als die Benzinkutsche, die auf den von fielen Steinen gesäumten Straßen der Insel leicht Schaden nimmt, ist auch das eigene Boot. Überflüssig dagegen sind Fahrräder, die einige Hotels in Supetar verleihen – die Rundfahrt endet am Ortsrand, wo die Sandstraße anfängt. Segelyachten vieler Nationalitäten ankern in den gut -geschützten Buchten der Küstenorte, vor allem in Milna und Pučišća.

Erster, Ferientag in Supetar an der Badebucht der Hotelanlage. Sauberer Strand, nicht ein einziger Papierfetzen unter den Bäumen. Acht Putzer haben seit drei Uhr früh die Abfälle des Vortages weggeräumt. Familien mit Kindern, viele junge Leute. Der Kieselboden fällt sanft ab; auch Nichtschwimmer können hier gefahrlos plantschen. Daneben, auf einer felsigen Landzunge wird Badebekleidung entbehrlich. Daß sich die Nackten freilich vor der Friedhofsmauer tummeln, mißfällt zwar dem Wärter (er hat auch einen Hinweis am Eingang angebracht, der zum Betreten der Grabstätten um schickliche Bekleidung bittet), doch hier wie in so vielen Küstenorten Jugoslawiens hat sich Textilfreiheit gegen den stummen Widerstand der Einheimischen durchgesetzt. (FKK-Freunde sollten allerdings nicht Supetar, sondern Bol als Ferienziel wählen: Dort liegt auf einer kilometerlangen, ins Meer hinausragenden Spitze ein offizieller Nackt-Abschnitt am „Zlati rat“, dem blendend weißen, gewiß schönsten Strand Dalmatiens.)