Stärkere Beteiligung an der militärischen Führung des Bündnisses ist seit langem eine Bonner Forderung an die Nato. Die Deutschen stellen der Nato die größte Landstreitmacht und die zweitgrößte Luftwaffe in Mitteleuropa; zudem sind sie für die Ostseeausgänge hauptverantwortlich.

Zweimal in den gut zwanzig Jahren seit ihrem Beitritt zur Allianz hat die Bundesrepublik den Vorsitz des Nato-Militärkomitees gestellt. Den Posten des Oberkommandierenden Europa-Mitte konnte sie nur deshalb besetzen, weil Frankreich ihn 1966 mit dem Rückzug aus dem alliierten Militärverband freiwillig aufgab.

Zwar ist dieses zentrale Kommando für die Verteidigung Mitteleuropas und für die Führung aller Streitkräfte im Bundesgebiet nach dem Oberbefehlshaber in Europa-, Saceur, das .wichtigste. Doch auf der übergeordneten Ebene des Obersten Alliierten Hauptquartiers in Europa, Shape, das diesem Generalissimus zu Gebote steht, ist die Bundeswehr bisher nur durch den Stellvertretenden Chef des Stabes für Planung und Operationen vertreten. Dabei handelt es sich wohl um eine Schlüsselstellung, doch ist sie die einzige – und sie ist nicht herausgehoben. Chef des Stabes in Shape und erster internationaler Mitarbeiter des amerikanischen Saceur ist seit Gründung immer ein amerikanischer General gleichen Ranges (daneben verfügt der Oberkommandierende als amerikanischer Oberbefehlshaber in Europa noch über ein eigenes Oberkommando in Stuttgart).

Stellvertreter des Saceur ist stets ein britischer General. Zum erstenmal soll ihm, dem Symbol der anglo-amerikanischen Allianztradition und der einstmals „besonderen Beziehungen“, nun ein gleichrangiger und im Prinzip auch gleichberechtigter deutscher General zur Seite treten. Bundesverteidigungsminister Leber hatte dies angeregt und im vergangenen Mai in Brüssel auch mit leichter Hand durchgesetzt. Er fand in General Haig einen willigen und entschlossenen Verbündeten, und die amerikanische Administration zeigte sich interessiert an einer sichtbaren Stärkung der deutschen Mitwirkung.

Dagegen zögerte die deutsche Generalität, Generalinspekteur Harald Wust an der Spitze. Die Generale fürchteten, die Bundeswehr werde mit einer Art uniformierten Administrator und Protokollchef im Hauptquartier abgefunden, der keinen wirklichen Einfluß hätte und dessen Existenz zudem den deutschen Planungs- und Operationschef beim Zugang zum Oberkommandierenden behindern, ja den künftigen Aufstieg eines Deutschen auf den Chefposten beim Oberbefehlshaber verbauen könnte, Sie wollten einen Falken auf der Faust, nicht einen Pfau im Hof.

Im Juni bot General Haig Bonn den neuen Posten eines zweiten Stellvertreters an, allerdings ohne die Prärogativen des ersten zu beschneiden oder dessen Rang in der Anciennität zu verändern. Er stellte der Bundeswehr diesen neuen Posten zur Verfügung. Mit ihm soll die Sonderaufgabe verbunden sein, die kurzfristigen Initiativen und die langfristigen Programme zur Verbesserung der Nato-Verteidigung in Europa zu leiten. In General Haigs Verständnis handelt es sich dabei um „Management“ und um eine diplomatische Mission bei den Nato-Partnern, um das Zusammenwirken militärischer und ziviler Dienststellen zu gewährleisten. Diese „Koordinierungsfunktion“ zwischen dem alliierten Oberkommando Europa und der nationalen Instanzen soll die Hauptaufgabe, des zweiten Stellvertreters sein Er soll „die Hauptverantwortung für den Beitrag Shape bei der Ausführung der langfristigen Programme zur Verbesserung der Nato-Streitkräfte in Europa“ tragen und „direkte Kontrolle über den Prozeß der Streitkräfteverbesserung ausüben“ (so General Haig zu den Kommandeuren). Darin soll er seinen Oberbefehlshaber entlasten.

Der bisherige britische zweite Mann vertritt den Oberkommandierenden, bleibt also der wirkliche Stellvertretende Oberbefehlshaber und behält auch seine Aufgaben für Planung, Führung und nukleare Operation im Hauptquartier. Dies hat General Haig im Schreiben an Bundesminister Leber und an alle ihm unterstellten alliierten Befehlshaber unmißverständlich festgestellt.