General Zia In Haq hat viele Gründe, sein Wahlversprechen zu brechen

Von Gabriele Venzky

Alles, was in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad Rang und Namen hatte, War gekommen. Amerikas Botschafter hatte anläßlich des 201. Geburtstags der Vereinigten Staaten eingeladen. Gekommen war auch Premierminister Zulfikar Ali Bhutto, geradewegs aus der dritten Kabinettssitzung dieses Tages. Lässig, in gewohnter Eleganz, einen Whisky in der Hand, steuerte er auf den US-Botschafter zu, um seine wichtigste außenpolitische Kehrtwendung der letzten Monate in die Wege zu leiten die Wiederannäherung an Washington.

Die Wochen des inneren Chaos schienen überwunden, es herrschte wieder Ruhe. Mit der Opposition war ein neuer Wahltermin ausgehandelt worden, Anfang Oktober sollte durch einen zweiten Urnengang festgestellt werden, ob die Behauptung der Opposition und Verlierer stimmte, die Bhutto massive Wahlfälschung am 7. März vorgeworfen hatten. Mit ihren Beschuldigungen hatten, Bhuttos Gegner die Massen auf die Straßen, gebracht, Über 350 Tote und fast 30 000 Verhaftete – das war die Bilanz von vier Monaten blutiger Unruhe, Doch das, so schien es an diesem 4, Juli, gehörte der Vergangenheit an.

An der Party beim amerikanischen Botschafter nahm auch Bhuttos Armeestabschef teil, der General Zia ul Haq, ein für das pakistanische Offizierskorps ungewöhnlich kleiner, gedrungener Mann mit durchdringenden Augen. Zia war aus Höflichkeit erschienen Nicht, Weil er in Amerika ausgebildet worden war – seine Jahre in England haben ihn viel mehr geprägt, wie sein riesiger Schnurrbart beweist –, sondern weil sich die pakistanische Armee den Amerikanern zu Dank verpflichtet fühlt. Allein im vergangenen Jahr hatte Washington Pakistan, dem Gegengewicht zum damals hoch prosowjetischen Indien, Hilfe im Wert von 500 Millionen geleistet und Waffen für 340 Millionen Mark geliefert.

Doch an diesem Nachmittag absolvierte General Zia nur eine Pflichtübung An Höflichkeit. Mit seinen Gedanken war er bei einer ganz anderen Frage: Sollte er nun seinen Förderer Bhutto stürzen oder nicht? Die Generalität war nämlich durchaus nicht der Meinung der Politiker, daß wieder Friede im Lande herrschte. Da intrigierte einmal der ehemalige Luftmarschall Asgar Khan ein Schwergewicht in der Neun-Parteien-Allianz der Opposition (die eigentlich nur durch ihre Gegnerschaft zu Bhutto zusammengehalten Wurde). Er hatte den in letzter Minute ausgehandelten Kompromiß torpediert und einen dicken Katalog mit neuen Förderungen auf den Tisch gelegt! Und da kursierten beunruhigende Gerüchte, daß die Bhutto-Partei an ihre Anhänger Waffen-Lizenzen aushändigen ließ, um sie für eine neue Runde im Bürgerkrieg Vorzubereiten. Denn, so hieß es, Bhutto denke gar nicht daran, seine Stellung von den Asgar Khans – und noch weniger von den orthodoxen Muslims der Pakistan tief tional Alliance (PNA) – erschüttern oder anfechten zu lassen.

Schließlich hatte Bhutto über Bhutto gesagt: „Mein einziges Verbrechen ist es, daß dieses Land nie einen Führer meines Kalibers hervorgebracht hat... Wenn ich gehe, dann werden Sie Tränen in den Augen der Leute sehen. Vom Khyber-Paß bis herunter nach Karachi wissen die nämlich, daß ich die Fesseln der Feudalherrschaft und der Stammesrivalitäten gebrochen habe; Ich habe der arbeitenden Bevölkerung zu ihrem Platz in dieser Gesellschaft verhelfen. Die Armen haben ein langes Gedächtnis in diesem Land.“