Gleiche Erziehung für Jungen und Mädchen?

Seit Tausenden von Jahren hält sich das Gerücht von den angeborenen „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Charaktermerkmalen, denen man durch unterschiedliche Erziehung gerecht werden müsse. In Wirklichkeit aber sind diese verschiedenen Eigenschaften doch nur notwendige Ergebnisse der ungleichen Behandlung! Wenn elterliche Erziehung schon in den ersten Lebensjahren die Rollen verteilt – Aggressivität, Tatkraft und eigenen Willen des einen Geschlechts fördert, des anderen nach Möglichkeit unterdrückt –, wie sollen diese Kinder als Erwachsene Gleichberechtigung verwirklichen können? Kindergärten und Schulen, die angeblich Gleichheit praktizieren, richten nicht viel aus, solange die Erziehung in der Familie Jungen und Mädchen auf unterschiedliche Positionen im späteren Leben drillt: die einen auf die leitenden, herrschenden, zu denen Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft erforderlich ist, die anderen auf die untergeordneten, die den sogenannten „weiblichen“ Eigenschaften gerecht werden. Gleichberechtigung muß gleich nach der Geburt anfangen, soll sie kein schönes Wort bleiben, das sich im „Jahr der Frau“ und ähnlichem Unsinn erschöpft. Sigrid Puhm, 20 Jahre

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Es wäre doch für einen Jungen von Vorteil, wenn er kochen und nahen könnte, und den ja sehr auf Emanzipation bedachten Mädchen kann es auch nur helfen zu wissen, wie der Motor eines Autos funktioniert oder wie man elektrisches Küchengerät repariert. Barbara Philipp, 15 Jahre

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Gleiche Erziehung sollte in der Familie beginnen, wo ja die wichtigsten Sozialisierungsprozesse stattfinden. Jedoch sollte Gleichberechtigung sich nicht in der gerechten Aufteilung der häuslichen Pflichten erschöpfen, sondern es sollte ein Bewußtsein für die Gleichheit der Geschlechter entwickelt werden. Wichtig ist, daß von vornherein versucht wird, auf geschlechtsspezifische Privilegien zu verzichten. Wenn in der Familie auf die alten Erziehungsideale verzichtet wird, könnte hier der Grundstein gelegt werden für eine Gesellschaft, die die Emanzipation der Frau und des Mannes vorurteilsfrei akzeptiert!

Verena Kobusch, 18 Jahre