Von Wolfgang Hoffmann

FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher mußte Feuerwehr spielen, um ein allzu helles Aufflackern des in seiner Partei schwelenden Zwistes zu verhindern. Kaum zurück vom großen Trip nach Amerika, mahnte er seine Liberalen eher betulich denn energisch zur Gedankenfreiheit. Die Warnung vor persönlicher Diffamierung Andersdenkender war als Beistand für den von links bedrängten Wirtschaftsminister Hans Friderichs gedacht, der sich 1974 als Parteivize in die Rolle des FDP-Kronprinzen drängte, dem nun aber die Gefahr droht, daß er mühsam erobertes Terrain wieder verliert.

Das ist neu für den Erfolgsgewohnten. Denn wann immer sich Friderichs ungeachtet aller Wünsche der Partei bisher für seinen eigenen Weg entschied, hatten die Freidemokraten dies ohne großes Murren hingenommen. Das war 1969 so, als er sich vor der Bundestagswahl als Staatssekretär bei Helmut Kohl in Rheinland-Pfalz verdingte, statt in Bonn mit fester Zusage, aber doch ungewisser Aussicht auf Höheres auszuharren. Das war so, als die FDP 1971 aus dem Bündnis mit Kohl in Mainz ausschied und von ihrem Staatssekretär ein Gleiches verlangte. Friderichs blieb. Er blieb auch 1972, als er – abermals vor einer Bundestagswahl mit ungewissen Aussichten – als Staatssekretär ins Bonner Wirtschaftsministerium berufen werden sollte.

Der dreifache Ungehorsam hat der politischen Karriere des Hans Friderichs bis dato nicht geschadet. Denn kaum war die Wahl 1972 von der Koalition gewonnen, rief die Partei ihn erneut. Und diesmal folgte der Mann aus Mainz. Er übernahm als Wirtschaftsminister das Ressort, das er zuvor als Staatssekretär verwalten sollte.

Nahm Friderichs keinen Schaden an seiner Karriere/wenn er sich weigerte, Posten anzunehmen, die ihm die Partei anbot, so ist noch keineswegs sicher, daß er seine gegenwärtigen Ämter behalten kann, wenn er sich den Kräften innerhalb der Partei weiter hartnäckig widersetzt, die ihn und die FDP von der marktwirtschaftlichen Position wegschieben und seine Neigung zur Kernenergie nicht teilen. Wenn die FDP-Bundesminister weiter gegen den Willen der Partei regierten, müßten sie sich entweder "von ihrer Partei oder aber die Partei von ihren Regierungsmitgliedern emanzipieren", drohte der Hamburger Landesausschuß unter Vorsitz der streitbaren Helga Schuchardt vor allem mit Blick auf den Wirtschaftsminister, der alle Vorschläge zur Reduzierung der Arbeitslosenzahl aus "ordnungspolitischen Gründen" ablehne.

Dabei hat Rebellion gegen starre Positionen – damals der Streit um die Konfessionsschule in seiner überwiegend katholischen Heimat Wittlich – den Katholiken Friderichs einst zur FDP geführt, wo er die Ochsentour im Eilmarsch durchlief. Der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Rheinhessen stieg binnen weniger Jahre zum stellvertretenden Bundesgeschäftsführer der FDP auf, 1964 übernahm er dieses Amt selber. Ein Jahr später rückte der damals 34jährige in den Bundestag, wo er als wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion dem Wirtschaftsminister der Großen Koalition, Karl Schiller, mutig entgegentrat.

Günter Gaus, heute Bonner Vertreter in Ostberlin, nannte den jugendlichen Senkrechtstarter damals einen "lupenreinen Liberalen". Das ist Friderichs bis heute geblieben. In einem jedoch hat sich Gaus gründlich verschätzt: Er meinte nämlich, wenn Friderichs es je nötig hätte, die Partei zu wechseln, fiele die Wahl auf die SPD.