Von Rolf Michaelis

Die 73 knappen, nie über eine Seite ausgreifenden, reimlosen Gedichte des neuen Bandes lesen sich wie ein Testament des zweiundsechzigjährigen Dichters –

Karl Krolow: "Der Einfachheit halber", Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 91 S., 18,– DM.

Einer, der im Gedicht oft "ich" gesagt hat, aber nur seine dünnhäutige Empfindlichkeit, nie die eigene Person oder Lebensgeschichte eingebracht hat, spricht nun, im Älterwerden, von sich selber – und sagt: "man". "Man raucht schweigend, / hört es sich an, / geht still davon." – "Man wird passiv, läßt das zu ... / Man sieht nur halb hin..."

Das ist kein stilistischer Tritt der Verschleierung, um leichter von sich selber reden zu können, sondern bei dem für die spröde Eleganz seiner Verse bekannten Krolow ein neuer Ton. Stoisches Weltgefühl formuliert persönliches Erleben als allgemeine Erfahrung, als Lebensgrundsatz. Noch wo die Gedichte "Du" sagen, wenden sie sich nicht an einen Partner, sondern sind tröstende, bekräftigende Selbstansprache: "Du winkst ab. Du kennst das schon... Das Leben ist so. / Du mußt es nicht gleich / lieblos finden ... Man kennt das." Und wie bei Benn, dessen Grundstimmung tapferer Skepsis auch aus vielen dieser Verse spricht, dringen die alle poetische Illusion zersetzenden Formeln wissenschaftlichen Sprache ins Gedicht: "Melancholie-Faktoren"; "man sollte / alles den Stoffwechselvorgängen / überlassen"; "biologische Prozesse im Organismus".

Ein anderes Hauptwort der neuen Gedichte ist "Angst". Wovor? "Manchmal fürchtet man sich vor allem." Und im besonderen: Krankheit, Depressionen, Schmerzen, Altern, Tod. "Ganz unvorbereitet gehe ich / aus dem Hause. Das Grundwissen anderer / fehlt mir: wie ein Mann alt wird." Dieses wären die allgemeinen Ängste. Krolow spürt Schrecken auch dort auf, wo sonst Glück und Beseligung erwartet werden, in der Liebe: "Sitze ruhig. Du störst nicht. / Ein Fall von Liebe sieht anders aus..." – "Verloren bleibt verloren... / Niemand blieb stehn, als wir uns trennten", überhaupt im Leben: "Ich bestand es, ohne zu wissen, / wie mir geschah – eine Art Leben."

Nicht mehr triumphierender Rückblick auf "mein Leben" ("Es gab ‚mein Leben so wenig wie / Liebe eine Sache des Besitzes ist"), sondern untertreibendes Sprechen von "einer Art Leben": Diese Geste der Reduktion, der parlando-Ton, uneitles Sich-Fügen in die Bedingungen menschlicher Natur bestimmen den Charakter des neuen Buches bis in den Titel "Der Einfachheit halber". Der Blick wird geschärft für Kleinigkeiten, für das Unauffällige, Fragmentarische. Stilistisch bedeutet dies für einen in die Sprache nicht nur verliebten, sondern ihrer auch mächtigen Dichter, der kühn surreale Bilder fand, eine höhere Form der in die schlichte Feststellung oder in die Sentenz drängenden Einfachheit. "Am besten, / du führst ein geordnetes Leben / mit dem Zufall. / Jede Übertreibung stört nur." Wie Warntafeln stehen solche Schreib-Appelle im Text: "Definitionen nützen nichts"; "vom Beschreiben nicht ins Erklären fallen"; "Mein unbestimmter Beruf ist, / abzuwarten, Gefühle nicht hochzujubeln... / Ich bin einfach nur ich selbst."