hat die Gruppe 47 geleistet" (Günter Grass). "Daß sie den Aufbau aus Scherben besser angegangen ist als andere, das sieht man im Abstand deutlich... Daß sie die schwierige Aufgabe des Knüpfens der Fäden aus der deutschen Isolation ins Feld der Nachbarschaften, West wie Ost wie Süd wie Nord, glücklich gehandhabt hat, darüber kann man kaum streiten" (Walter Höllerer). "Gruppe 47: Handwerksbetrieb von Literaten – ein Betrieb, den die Poesie bitter nötig hatte, um regenerieren zu können" (Walter Jens). "Sie hat, wie man heute immer deutlicher sieht, dank dem besonderen Mechanismus ihrer Spielregeln, keinen der begabten literarischen Debütanten, der vorlas, verkannt... Sie hat kaum bekannte Autoren mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet, die heute jeder kennt" (Hans Mayer).

Man sieht, die meisten Antworten gehen in eine andere Richtung als die vom Fragenden suggerierte. Auch meine Vorstellungen, denjenigen, die sich so lange Zeit Jahr für Jahr getroffen haben und, nehmt alles nur in allem, gern gesehen haben, müsse doch wohl etwas fehlen, etwas immerhin, das für ihre Entwicklung so wichtig war, daß sie es der nachfolgenden Generation wünschen möchten, wurden nur teilweise bestätigt durch die Antworten auf die Fragen: "Was hat die Gruppe 47 für Ihre eigene Arbeit bedeutet? Glauben Sie, daß den Jüngeren eine solche Gruppe gut täte?"

"Sie hat mir, der 1959 noch als Leipziger Professor zur Gruppe kam, eine Kenntnis. neuer Autoren, Bücher und Tendenzen der Literatur deutscher Sprache Vermittelt, die ich nirgendwo sonst erlangt hätte... Von Wiederbelebungsversuchen halte ich nichts" (Hans Mayer). "Ich habe der Gruppe 47 zu verdanken, daß ich, in der Provinz lebend, mir niemals verloren vorgekommen bin... Heute müßte die Gruppe 47, politisch wie literarisch, ein Programm haben; Literatur und Kritik sind in einem Maße ,verwissenschaftlicht‘, daß die kategorienlos-treuherzige Vorführung und Beurteilung von Texten heute zurecht wie ein Anachronismus aus der Pionierära wirken würde" (Walter Jens). "Von 1956 bis 1967 waren die Tagungen für mich Probierfeld, Ort der Konfrontation und Schule der Kritik. Seitdem es die Gruppe 47 nicht mehr gibt, fehlt sie ... fehlt sie auch mir" (Günter Grass). "Ich verdanke der Gruppe einige Freundschaften, die sich ziemlich lang hielten, und einige Feindschaften, die sich immer noch halten... Ich sehne mich nicht nach der Gruppe zurück ... Da wir jetzt einen Verband haben, der lebendig ist (gemeint ist der Verband deutscher Schriftsteller in der Gewerkschaft Druck und Papier – d. Red.), bedarf es keiner Gruppe mehr" (Martin Walser). "Wofür ich der Gruppe vor allem zu danken habe: daß sie mir in dieser so einsamen Beschäftigung, der Schriftstellerei, schon jung und unverhofft Gefährten und damit im Laufe der Jahre einen Sinn von Zeitgenossenschaft verschaffte, ohne den meine Wirklichkeit viel weniger wirklich wäre... Natürlich sehne ich mich manchmal nach der Gruppe zurück, und natürlich glaube ich, daß den Jüngeren eine solche Gruppe gut täte. Aber ich glaube auch, daß sie sich nicht wiederholen läßt..." (Barbara König). "Sicherlich gab es da Anregungen, aber ich konnte mit ihnen nichts anfangen. Freundschaften und Halbfreundschaften; für beide bin ich dankbar... So, wie sie zuletzt war, möchte ich die Gruppe nicht wiederhaben. An neue Gruppen oder Kollektive glaube ich nicht mehr, seit die Generationen allenfalls noch drei bis vier Semester alt werden" (Ernst Schnabel). "Zu ‚verdanken’ habe ich der Gruppe 47 gewiß etwas, und wäre es auch nur eine Art Klatsch-Wert, dieses ‚Im-Gesprädi-Sein‘ und Profitieren von Publizität... Ich glaube, daß es ‚eine solche Gruppe‘ nicht mehr geben kann, alles wäre eine Imitationsüberanstrengung" (Gabriele Wohmann). "Zu verdanken habe ich der Gruppe ‚künstlerisch‘ nichts, ‚menschlich‘ sehr viele Freundschaften. Schöne Erinnerungen ... Zurücksehnen? Nein. Aber gern daran denken" (Wolfgang Hildesheimer). "Ich vermisse die Gruppe nicht, leide keineswegs unter Einsamkeit, verabscheue je älter ich werde desto mehr Tagungen, Kongresse, Verbandssitzungen, besonders in Deutschland... leugne keineswegs, im Gegenteil, daß ich ihr viel verdanke, objektiv im industriellen Sinn – sie war ein erheblicher Faktor für die Ausbildung unserer damaligen ästhetischen und ideologischen Konstrukte und gleichzeitig ein Marketinginstrument für alle, die da kamen – wer wollte das bestreiten?" (Hans Magnus Enzensberger). "Ich habe der Gruppe sehr viel zu verdanken ... Natürlich ‚sehne‘ ich mich nach der Gruppe 47 zurück ... Man kann eine Konstellation, wie sie für die Gruppe im Jahre 1947 da war, nicht wiedertreffen. Aber, man könnte eine neue Gruppe gründen, schön wär’s!" (Ingrid Bacher).

Könnte man eine neue Gruppe gründen? Wäre das schön? Darüber gehen die Meinungen offenbar auseinander. Eine Stärke der Gruppe lag auch darin, daß sie nie eigentlich "gegründet" worden ist. Das hat sich so ergeben und ist groß geworden und schließlich gestorben, nicht durch eine Katastrophe, eher an Altersschwäche.

Wenn man den Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt in allzu enge Verbindung bringt zur Gruppe 47, tut man beiden Unrecht. Bei der Gruppe 47 gab es manchmal auch einen Preis, auf 29 Tagungen nur zehnmal verliehen, keineswegs einhellig begrüßt. In Kärnten kreist das Ganze um den Preis als den Magneten, der die Schriftsteller anziehen soll. Aber auch diese Konstruktion ist möglich, und sie ist vielleicht ganz zeitgemäß. Zum literarischen Leben gehört, daß Autoren und ihr Publikum sich und einander zuweilen treffen. Das immerhin haben die Österreicher auf eine so angenehme Weise bewerkstelligt, wie es mir seit dem Ende der Gruppe 47 bisher sonst nirgendwo begegnet ist.

Freilich laufen Autoren dabei immer das Risiko, daß es ihren Lesern so ergeht, wie es der andere Johnson, Samuel, 1750 im "Rambler" notierte: "Wer von den Büchern eines Autors ausgeht und dann den Autor selber hört, dem geht es oft wie dem Reisenden, der nur die Silhouette einer Stadt kannte und nun die Stadt selber kennenlernt: Aus der Ferne hatten ihn Tempeltürme und Paläste eine Residenz des Glanzes, der Größe und der Pracht erwarten lassen. Doch nachdem er die Stadttore passiert hat, fühlt er sich verwirrt durch enge Gassen, angewidert durch armselige Hütten, in Verlegenheit gebracht durch Straßensperren und vernebelt durch Qualm."

Ende gut, alles gut.