Viele Abgeordnete fanden ihre Plätze nicht, weil sie noch nie das graubraune Gebäude der Cortes betreten hätten; einige kannten sich darin aus früheren Zeiten zwar gut aus, aber auch sie schienen verwirrt, denn die erste Sitzung eines frei gewählten spanischen Parlamentes seit vierzig Jahren brachte mancherlei Überraschungen: Kommunisten schüttelten Neofranquisten freundlich die Hände und stimmten später mit ihnen zusammen; Regionalisten plauderten. zwanglos mit Monarchisten, und Sozialisten unterstützten Kapitalisten. Alte Fronten, das zeigte sich in der vergangenen Woche, sind zerbrochen, neue bilden sich. Unter der energischen Führung des wiederernannten Regierungschefs Adolfo Suárez marschiert Spanien auf ein Staats- und Gesellschaftsmodell zu, bei dem – sehr diskret – die Bundesrepublik Pate gestanden hat.

Eine drastische Abwertung der Pesete und eine die Privilegien der Reichen beschneidende Steuerreform soll die Gewerkschaften in die Pflicht nehmen, sie zum Stillhalten bewegen, damit nach der politischen Transformationskrise nun die Wirtschaftskrise gemeistert werden kann. Angepeilt ist eine konzertierte Aktion auf spanisch, mitgetragen von den Sozialisten, die erst den Kuchen backen und dann verteilen wollen.

Ein kaum verschleiertes Zusammenspiel zwischen Regierungsfraktion und Sozialisten bei der Geschäftsordnungsdebatte hat – recht rabiat – die Macht der Autonomisten und Splittergruppen beschnitten, die sich nun vereinen oder untergehen müssen: Wenige und kräftige Fraktionen sind die Voraussetzung für eine starke Demokratie. Die Separatisten, in sich uneins, haben schmerzlich den Willen der Regierung kennengelernt, das Wohl Gesamtspaniens vor die Wünsche der Regionen zu setzen. Den Konservativen machte Suárez klar, daß es eine ausgesprochen antisoziale Politik künftig nicht geben wird. Die Sozialisten sind zu stark, und ihre Forderungen zu berechtigt.

Freilich – noch schwebt das Parlament in einem luftleeren Raum, gebunden durch Bestimmungen aus der Franco-Zeit und vor der Verabschiedung einer Verfassung ohne klare Kompetenzen. Die Volksvertreter müssen sich die Macht Stück für Stück "herbeistimmen". Auch das ist eine bewußte Bremse gegen allzu rasche, revolutionäre Veränderungen, die mit Blick auf Wirtschaft und Industrie zu betätigen Suárez allen Grund hat. "Kooperation, um keinen Preis Konfrontation" ist das wirtschaftliche und politische Regierungsprogramm überschrieben. Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Zentristen und Separatisten werden Opfer bringen müssen.

Noch einmal fand in diesem Jahr der spanische Nationalfeiertag am 18. Juli statt, an dem sich 1936 die Nationalisten erhoben. Im nächsten Jahr wird es der Namenstag des Königs sein – die Monarchie, anfangs als anachronistische Notlösung belächelt, einigt heute die spanischen Demokraten. Ein Paradox? Vielleicht für Westeuropa, aber nicht in einem Lande, das staunend und noch zweifelnd den Kompromiß als Formel politischer Vernunft einübt. Horst Bieber