Doch für einen höheren Lebensstandard reicht ein Einkommen meistens nicht aus

Von Rino Sanders Er hat geschuftet und hat es geschafft

Wer ist ein Autowerker, Facharbeiter, Bandmann im Motoreneinbau, der für seinen Stand stehen kann? Gesucht habe ich ihn natürlich in Italiens Automobilmetropole Turin. Da sind allein im innerstädtischen Werk Mirafiori 60 000 der rund 160 000 FIAT-Mitarbeiter beschäftigt. Sicher ist, daß er zu den 70 Prozent jener gehören muß, die – bei sechs Lohnstufen insgesamt – zur dritten Kategorie zählen. Gehört er aber zugleich zu jenen 70 Prozent, die auf der Suche nach einer Lebensbasis aus dem tiefen Süden in den italienischen Norden gekommen sind?

Selbstverständlich hält die FIAT-Abteilung für Public Relations am Corso Marconi stets Musterfamilien parat, die jeden gewünschten Arbeitnehmerstatus in der Idylle vorleben können; doch war sie fair oder fähig genug, mir, der ich meinen Mann in Turin lieber selbst suchen wollte, Tagungsort und -zeit zu nennen, wo sich in diesen Tagen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum Schlagabtausch in langen Tarifrunden trafen. Da konnte ich in den Pausen zwar ein paar Basis-Leute, Gewerkschafter, einvernehmen; aber meinen repräsentativen Arbeiter konnten sie mir nicht liefern. Gewiß, sie selbst hätten mich zu sich nach Hause nehmen können, aber wirklich nicht in diesem so wichtigen Augenblick... Schließlich rieten sie mir, zum Haus der „Lega“, der FLM (Federazione lavoratori metalmeccanici), zu gehen. Der Rat war gut.

In einer Mietetage, an deren Wänden Plakate und Manifeste vergangener Demonstrationen gleich Traditionsfahnen prangten, führten junge Bartträger das Wort. Sie brachten binnen kurzem einen „Compagno“ auf, der meinem Steckbrief entsprach.

Würde ich ihn Salvatore De Luca nennen, spräche nichts dagegen. So heißen die Männer aus dem Süden. Er ist Mitte Dreißig, stammt aus Apulien, ist mit einer wenig jüngeren Frau aus seiner Heimat verheiratet und Vater dreier Söhne, sechs, zehn und zwölf Jahre alt.

„La casa“, wie die Italiener seit alters ihre Wohnung nennen, liegt im dritten Stock eines ziemlich neuen Kastens, inmitten einer Betonsiedlung aus Häusern mit sieben bis zwölf Stockwerken. So nah beim Werk! „Ja, wir haben Glück gehabt“, sagt Salvatore mir im Fahrstuhl des Sozialbaus. Und während er mir freimütig und auch stolz die putzsaubere Wohnung zeigt, betont er immer wieder, wieviel Glück sie in allem gehabt hätten, und später, beim Kaffee in der Wohnküche, nickt seine stille, aufmerksame Frau dazu. Gewiß, sie haben geschuftet, aber sie haben es geschafft; und sie sind sich bewußt, wie viele andere schuften, ohne es zu schaffen.