Aber irgendwie fühlt Albert Speer sich heute heimatlos

Von Karl-Heinz Janßen

Die Hitze eines Julitages flimmert noch über den Wipfeln. Die Vogelstimmen sind verstummt. Der Waldpark, hoch über dem Alt-Heidelberger Schloß, atmet paradiesische Stille. So könnte ein verwunschener Garten in alten Märchen aussehen; nur das schmucklose, niedrige Tor paßt nicht dazu, und schon gar nicht das unübersehbare Schild mit der Aufschrift „A. Speer“. Die Lettern sind größer als auf Verkehrszeichen; selbst im dichtesten Nebel könnte ein Autofahrer sie nicht verfehlen. Diese Visitenkarte verrät schon viel über den Hausherrn am Schloß Wolfsbrunnen weg 50: Er ist nüchtern bei aller Liebe zur Romantik, selbstbewußt, nonchalant, freundlich, hilfsbereit.

Vor genau dreißig Jahren wurde er in das Spandauer Kriegsverbrechergefängnis eingeliefert – als „Nr. 5“. Vor zehn Jahren, wenige Wochen vor seiner Entlassung aus der Haft, träumte ihm, wie das Elternhaus mit den niedrigen, spitzen Fachwerkgiebeln bei einem Vulkanausbruch in Flammen aufging, just in dem Augenblick, als er es wieder betreten wollte. Es steht immer noch, das schlichte Landhaus eines Großbürgers. Zehn Jahre lang bewohnten es nach dem Kriege die Amerikaner; es gehört Speers Kindern und entging nur deshalb der Enteignung durch eine Entnazifizierungs-Spruchkammer.

In dieses väterliche Refugium kam der Häftling aus Spandau zurück; hier begann er als Sechzigjähriger eine neue Karriere (jenen Traum deuteten Tiefenpsychologen als Zeichen eines Neuanfangs nach dem totalen Bruch mit der Vergangenheit); hier schrieb er seine Weltbestseller (1969 die „Erinnerungen“, 1975 die „Spandauer Tagebücher“).

Kein Typ, der faulenzen kann

Bei der Entlassung 1966 fühlte er sich zwar ungebrochen, doch als alter Mann. Nichts von dieser Resignation ist mehr zu spüren. Man glaubt ihm seine 72 Jahre nicht, könnte ihn für einen Mann in den Fünfzigern halten; er ist hellwach, braungebrannt, hat sich schlank gehalten; noch immer beherrschen schwarze, buschige Augenbrauen dieses Gesicht, das schon der Regisseurin Leni Riefenstahl als filmreif aufgefallen war.