Bei Lichte betrachtet, ist der wirtschaftspolitische Streit in der FDP eine Spätfolge der Traube-Affäre. Hätte sich Maihofer nicht darin verheddert, so hätte er Vorsitzender der Perspektiv-Kommission bleiben können; wäre er dies geblieben, hätte sich das Kommissionspapier auf Staats- und Gesellschaftspolitik konzentriert und wäre nicht Friderichs ins Gehege gekommen; hätten die Perspektiv-Kommissare nicht über den Zaun gefressen, wäre der Streit nicht in solcher Schärfe ausgebrochen (Siehe auch Seite 19).

So aber ist plötzlich sichtbar geworden, daß die Liberalen ein Links-Rechts-Problem haben, das die Schwierigkeiten der Sozialdemokraten noch in den Schatten stellt. Schon zahlenmäßig: Ein Viertel der FDP-Bundestagsfraktion läßt sich der Linken zurechnen, ein Drittel sogar des Parteivorstandes. Hier geht es also nicht nur um eine versprengte Korporalschaft, hier ist ein ganzes Bataillon aus der Regimentsfront ausgeschert.

Genscher weiß, was auf dem Spiele steht. Sein Brief an die FDP-Bundestagsabgeordneten beweist es. Der Kieler Parteitag im November wird ein Kampfparteitag werden. Der Vorsitzende muß versuchen, mit den linken Herausforderern fertig zu werden, die aus der FDP eine Art Luxus-SPD machen möchten. Eine Waffe wird Genscher schwerlich anwenden wollen: Koalitionswechsel. Damit würde er den linken Flügel garantiert los.

Der interne Zwist der Liberalen wirft einen Schatten auf die ganze Bonner Bühne: Das Bestreben, die FDP als liberale Partei herkömmlicher Signatur zu erhalten, könnte ihre Führungsspitze an die Seite der Union bringen. Th. S.