von Fritz J. Raddatz

DIE ZEIT: Wenn ich Sie recht verstehe, vor allem Ihre letzten öffentlichen Äußerungen, dann lehnen Sie gleichsam ab, ein DDR-Autor, jetzt DDR-Autor im Exil zu sein. Mir scheint das, gerade beim Überprüfen Ihrer Arbeiten, ehrlich gesagt falsch. Die Intensität Ihrer Texte verdankt sich doch ganz eindeutig Ihrer Realitätserfahrung in der DDR.

Thomas Brasch: Was ich in verschiedenen Gesprächen abgelehnt habe, ist eine Kategorisierung. Ich kann weder mit dem Begriff des Exilschriftstellers für mich etwas anfangen, noch etwa mit denen eines Vertreters der Rock-Generation, des jüdischen Autors, des DDR-Schriftstellers, des Dissidenten oder was immer es sonst noch gab. Für mich sind all diese Kategorien nicht mehr als hilflose Versuche, einen Schreiber leichter konsumierbar zu machen, indem man ihn auf einen Punkt reduziert.

Natürlich hat jeder Text, wie Sie richtig sagen, mit der Realitätserfahrung seines Autors zu tun, aber diese Realität ist für mich etwas anderes als sich oberflächlich mit den Buchstaben fassen läßt, die auf meinem Paß stehen. Deutlicher: Die Wirklichkeit, die eine fünfzigjährige Schriftstellerin beschreibt, die ihr ganzes Leben in einem Dorf an der Ostseeküste verbracht hat, ist eine völlig andere als die, über die ein zwanzigjähriger Berliner Germanistikstudent Gedichte verfaßt. Beide nun einfach unter den Begriff DDR-Literatur zu verallgemeinern, heißt, sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen, den politisch-geographischen nämlich. Beide haben soviel und sowenig gemeinsam wie eine Bäuerin aus Reutlingen und ein Zuhälter aus Hamburg oder, ein besserer Vergleich, Hans Habe und Arno Schmidt.

DIE ZEIT: Stimmt das wirklich? Es gibt doch gesamtgesellschaftliche Phänomene oder Erfahrungen, die mit der Spezifik einer gesellschaftlichen Struktur des Landes zusammenhängen. Und die ist natürlich, ob in der Provinz der DDR oder auch in ihrer Hauptstadt Ostberlin, in vielen Dingen gleich. Natürlich dekliniert sich das in kleinen Dingen anders. Es gibt aber ganz bestimmte gemeinsame, lassen Sie es mich ruhig sagen, Bedrohungen, oder – ein anderes Beispiel – Strukturen der menschlichen Kommunikation, die wohl spezifisch für die DDR sind. Ganz radikal anders als mögliche Erfahrungen in der Bundesrepbulik. Das heißt, der Wechsel von der DDR in die Bundesrepublik ist eben dadurch ein sehr viel schärferer, abrupterer als der Wechsel von der DDR-Provinz in die DDR-Hauptstadt.

Brasch: Meine Erfahrung ist anders. Für mich war der Wechsel aus dem Leipziger Hörsaal in eine Berliner Werkhalle zum Beispiel ein wesentlich schärferer Bruch als die Übersiedlung aus der intellektuellen Szene der einen Hälfte Berlins in die der anderen Hälfte der Stadt. Das soziale Problem scheint mir dabei wichtiger als das geographische. Und noch etwas: Vielleicht gibt es, was Sie gesamtgesellschaftliche Erfahrungen nennen, aber ich kann damit während meiner Arbeit an. einem Stück oder einem Gedicht überhaupt nichts anfangen, ein solcher Begriff sagt mir nichts, wenn ich meine eigenen, subjektiven Erfahrungen in eine bestimmte Form bringen will. Dazu kommt, daß die gesellschaftliche Erfahrung eines durch Reisegenehmigungen privilegierten Schriftstellers in der DDR eine völlig andere ist als die eines nicht privilegierten, die eines gedruckten wieder eine andere als die des ungedruckten und die eines Schriftstellers überhaupt sich total unterscheidet von der einer Verkäufern zum Beispiel, die unter einem ganz anderen Erfahrungsdruck steht. Beim Schreiben ist der Schreiber die Welt, nicht die Landkarte.

Ich glaube heute, daß die These eines von mir sehr geschätzten DDR-Philosophen richtig ist, die ich früher für arrogant hielt: Das Alltagsbewußtsein in industrialisierten europäischen Leistungsgesellschaften unterscheidet sich bei 90 Prozent der Bevölkerung überhaupt nicht voneinander.