Auf den sieben Hügeln der ewigen Stadt ist man zur Zeit gar nicht so pessimistisch. Was nämlich niemand und am allerwenigsten die Römer selbst für möglich gehalten haben, ist eingetreten: Die Italiener bezahlen wie durch ein Wunder auf einmal brav ihre Steuern.

Innerhalb von zwei Jahren hat sich das Steueraufkommen verdoppelt. „Ganze Berufszweige, die bisher nichts an den Staat abführten, haben sich auf einmal zum Steuerzahlen entschlossen“, schmunzelt Finanzminister Giovanni Pandolfi. Freilich hilft die Angst dabei nach, als Steuersünder ertappt zu werden.

Der reichliche Steuersegen fließt erst, seitdem die Italiener 1975 zum erstenmal ihre Einkommensteuererklärung selbst ausfüllen können und nicht mehr wie früher zum Steueramt laufen und dort verhandeln müssen. 19 000 Milliarden Lire lieferten die Italiener nach der alten Art der Steuerverhandlung an den Fiskus ab. In diesem Jahr sind die offiziellen Schätzungen bereits vor Ende des Abgabetermins für Steuererklärungen nach oben korrigiert worden, und der Fiskus kann sicher auf 40 000 Milliarden Lire zahlen, das sind 110 Milliarden Mark.

Damit zählen die Italiener jetzt im Durchschnitt pro Kopf nicht weniger an Vater Staat als jeder andere Mitteleuropäer, Freilich erwartet er dafür auch, daß dieser wenig geliebte Staat zu einer soliden Haushaltungspolitik übergeht und das Geld nicht mehr so häufig zum Fenster hinauswirft wie bisher.

Ein Beispiel: Da ist das wirtschaftlich völlig widersinnige Projekt für ein Stahlwerk in Gioia Tauro, in der Zehenspitze des italienischen Stiefels. Dieses staatliche Kombinat würde nur Verluste bringen. Weil sich Italien weder gegenüber den EG-Behörden in Brüssel noch gegenüber anderen internationalen Gläubigern eine vorsätzliche Verschwendung von Investitionsmitteln leisten kann, wird dieses fünfte staatliche Stahlkombinat wohl nicht mehr gebaut werden, auch wenn bereits einige hundert Millionen Mark durch die Vernichtung von Kulturland und den Bau nutzloser Infrastrukturen vertan sind. Und es gibt noch mehrere Gioia Tauros in Italien.

Der endgültige Verzicht auf dieses Projekt, das nie ernsthaft auf seinen wirtschaftlichen Sinn geprüft wurde, sondern ausschließlich politischen Überlegungen entsprang, wird noch viel politisches Fingerhakeln mit sich bringen. Aber die Minderheitsregierung Giulio Andreotti kann immer darauf hinweisen, daß Italien in aller Welt tief in der Kreide steht.

Das Schatzamt darf die magische Zahl von 13 100 Milliarden Lire (fast 40 Milliarden Mark) Haushaltsdefizit nicht überschreitend So ist es dem Weltwährungsfonds und der Kommission in Brüssel versprochen worden. Nach dem bisherigen Gang der Dinge wird Rom sein Wort auch halten können. Freilich: Übrig bleibt dabei trotz wachsender Mehreinnahmen nichts mehr.

In Italien wird das Geld knapp. Die Schuldner zahlen Zinsen von 18 bis 20 Prozent. Der Staat bietet seinen Gläubigern 14 bis 16 Prozent, falls sie Schatzwechsel und, Schatzscheine zeichnen. Schon der laufende Betrieb dieser schwerfälligen römischen Staatsbürokratie verschlingt derart viel Geld, daß fast jede Zinshöhe recht ist, wenn nur genug Lire in die Staatskasse kommen. Der Staat ist dabei zum schärfsten Konkurrenten seiner staatlichen Geschäftsbanken geworden.